Am Wendepunkt der Realität: Wenn Altes für Neues weichen soll, wird die Wahrheit zur Lebenslüge
- Dejan Kosmatin

- 2. Aug. 2025
- 73 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Sept. 2025
Emotionale Entscheidungen und irrationale Handlungen im Prozess der Wirklichkeitsproduktion (Konstruktivismus)
Selbst erfahrene Manager sind nicht immer in der Lage, einen Richtungswechsel logisch mit rationalen Argumenten zu begründen. Die Konsequenzen einer Entscheidung wirken sich aber meist auf das Umfeld aus. Wer das Verhältnis systemisch betrachtet, kann besser mit der Belastungsprobe umgehen - auch wenn andere plötzlich eine Kehrtwende einschlagen. Die Realität, ist eine Mimose und reagiert sensibel auf Veränderungen, meist dann, wenn das Selbstkonzept schwächelt. Logik, Kognitionen und Emotionen verzerren das Bewusstsein und konstruierten eine neue Wahrheit, in der der regelrecht überforderte Mensch weder den Preis für das Neue, der konstruierten Realität, noch für das Alte, das zu erbringende Opfer der Entscheidung kennt.
Du hast nicht recht. Das Problem sind deine Überzeugungen. Überzeugungen sind subjektive Meinungen, sie sind nicht unbedingt wahr. Wahrheiten bezeichnen objektive Eigenschaften von Aussagen, die mit der Realität übereinstimmen. Wahr ist deine konstruierte Realität aber trotzdem - in deinem Kopf, weil sie mit deiner persönlichen Einstellung zu einer bestimmten Aussage übereinstimmt!
Naturwissenschaftlich existiert zweifellos eine objektive Realität: der Himmel ist blau, der goldener Schnitt der Fibonacci-Folge einzigartig und die Newtonsche Axiome verlässlich, so wie auch die Thermodynamik und die einfache Gravitation. Die Struktur des Universums können wir uns dennoch bis heute nicht erklären und nicht nur der durchschnittliche Mensch verzweifelt an der Relativität und Kosmologie - die Spring-Theorie bleibt auch unter Physikern bis heute ungelöst.
Ist deshalb nur das wahr, was du siehst, und glaubst du nur das, was du siehst?
In unserer schnelllebigen Welt zweifeln immer weniger Menschen an ihrer Meinung oder übernehmen andere Meinungen ungefragt. Methodisch ist heute nur noch die kognitive Überforderung und nicht der Zweifel Descartes'. Darin die Existenz eines denkenden Subjekts vorauszusetzen ist schon schwierig, doch unabhängig davon ist „cogito, ergo sum“ kein Beweis für das Sein (Kant).
„Selbst wenn ich mich täusche, bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich auch nicht täuschen. Und demnach bin ich, wenn ich mich täusche. Weil ich also bin, wenn ich mich täusche, wie sollte ich mich über mein Sein täuschen, da es doch gewiss ist, dass ich bin, gerade wenn ich mich täusche?“ – René Descartes

Inhalt
#1.1 Negative und positive Freiheit: zwischen Sein, Zeit und Nichts #1.2 Geheimnisvolle Existenzphänomene
#3.5.1 Affektlogik (wissenschaftliche Einordnung)
#6.4.1 Kritische Auseinandersetzung mit der Affektlogik und dem Konstruktivismus
Ich denke, also bin ich: Die „ego-cogito,-ergo-sum-Illusion"
„Da es ja immer noch ich bin, der zweifelt, kann ich an diesem Ich, selbst wenn es träumt oder phantasiert, selber nicht mehr zweifeln.“
Diesem von Descartes als nicht weiteres kritisierbares ("unerschütterliches") Fundament seiner Erkenntnisphilosophie, dem radikalen Zweifeln an der eigenen Erkenntnisfähigkeit, begegnet Nietzsche mit dem Argument, dass das Konzept des „Ich“ als denkende Substanz eine Illusion ist, die durch sprachliche und grammatikalische Strukturen erzeugt wird.
Also muss das Denken nicht notwendigerweise einem bewussten Subjekt zugeschrieben werden, sondern kann eher als ein Prozess ohne festes Subjekt verstanden werden. Nietzsches Kritik ist Teil seiner breiteren Ablehnung der traditionellen metaphysischen Annahmen über Substanz und Identität.
Auch Schopenhauer, dessen Denken stark von Kant und Platon beeinflusst wurde, jedoch eigene, subjektivistische Positionen innerhalb des Idealismus entwickelte, sieht wie der radikalere Nietzsche den Willen eines handelnden Subjekt und damit die Frage der Willensfreiheit (freier Wille) in den Vordergrund seiner philosophischen Betrachtungen. Nietzsche hat die traditionellen Werte, Religion und Moral kritisiert und dabei die Individualität, den Willen zur Macht und der ewigen Wiederkunft des Gleichen betont. Schopenhauer vertrat einen subjektiven Idealismus, der die Bedeutung des einzelnen Bewusstseins für die Konstruktion der Realität betont, aber auch die Notwendigkeit eines alles verbindenden und bedingenden Etwas (des Willens). Dabei nehmen wir die Welt nur als Vorstellung wahr und können nichts über das wahre Wesen der Dinge erfahren.
Im Gegensatz zu vielen anderen Philosophen sah Schopenhauer in seiner pessimistischen Haltung den Willen nicht als etwas Vernünftiges, sondern als eine blinde, triebhafte Kraft, die das Handeln der Menschen und die Welt bestimmt; das Leben ist einen Kreislauf von Leiden und Enttäuschung, verursacht durch den blinden, unaufhaltsamen Willen. Nietzsches "Willens zur Macht" beschreibt ein grundlegendes Streben nach Selbstüberwindung, Wachstum und Erweiterung der eigenen Fähigkeiten. Er ist nicht als blinder Machtwille zu verstehen, sondern als Ausdruck eines dynamischen Lebenswillens. Er forderte eine Neubewertung aller bisherigen Werte und eine Abkehr von einer einseitigen Vernunftorientierung hin zu einer ganzheitlichen Lebensauffassung.
Descartes ging wie Hume, Locke und allen voran Kant und Leibnitz, als Begründer der deutschen Ideologie, epistemologisch vor, der Fragen nach den Voraussetzungen für Erkenntnis, dem Zustandekommen von Wissen und anderer Formen von Überzeugungen umfasst (Erkenntnistheorie). Dabei wird auch untersucht, was Gewissheit und Rechtfertigung ausmacht und welche Art von Zweifel an welcher Art von Überzeugungen objektiv bestehen kann. In der Erkenntnistheorie stehen demnach die Funktion der Vernunft eines urteilenden Subjekts im Vordergrund.
Negative und positive Freiheit: zwischen dem Sein, der Zeit und dem Nichts
Explizit unterscheidet Kant, in seiner "Kritik der reinen Vernunft, zwischen negativer und positiver Freiheit (verstanden als Willensfreiheit): Freiheit ist zuerst transzendentale Freiheit als Spontaneität (verstanden als Vermögen), womit er die Fähigkeit des Menschen bezeichnet, „einen Zustand von selbst anzufangen“ bzw. einen Anfang machen zu können.
Kants transzendentale Freiheit ist eine Idee und insofern begrifflich negativ, da wir uns dieser Freiheit weder bewusst werden noch aus der Erfahrung auf sie schließen können. Auf dieser Idee gründet der praktische Freiheitsbegriff, der von Kant erst einmal negativ als „Unabhängigkeit der Willkür durch die Antriebe der Sinnlichkeit" bestimmt wird.
Die negative Freiheit ist die Bedingung für die positive Freiheit als das Vermögen der Vernunft, sich selbst ihre Gesetze zu geben. - Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft
Für Kant ist die negative Freiheit die Bedingung für die positive Freiheit als das Vermögen der Vernunft, sich selbst ihre Gesetze zu geben. In seiner "Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" sieht er das Vermögen des Menschen, sich unabhängig von seinen Neigungen und Trieben bestimmen zu können, was ihn zur sittlichen Selbstbestimmung (Autonomie) befähigt. Kants politischer Freiheitsbegriff orientiert sich an dieser Autonomiebestimmung: Rechtliche Freiheit ist „die Befugnis, keinen äußeren Gesetzen zu gehorchen, als zu denen ich meine Beistimmung habe geben können“ (Kant: Zum ewigen Frieden).
Leibniz unterscheidet beim Freiheitsbegriff hinsichtlich der Handlungsfreiheit zwischen liberté de droit als Freiheit von Zwang, durch die sich der Freie vom Sklaven unterscheidet, und liberté de fait als einer positiven Freiheit, durch die sich der Kranke vom Gesunden unterscheidet. (Zunächst) negativ beschreibt Rousseau die Freiheit als das Fehlen eines instinktiven Eingefügtseins des Menschen in die Natur. Schelling kritisiert dahingehend die Freiheitstheorien, die die menschliche Freiheit durch Unabhängigkeit von der Natur bestimmen wollen, und kehrt gleichsam die Fragerichtung um, indem er auch nach der Freiheit des Menschen von einem allmächtigen Gott fragt:
„Die Vertheidiger der Freiheit denken gewöhnlich nur daran, die Unabhängigkeit des Menschen von der Natur zu zeigen, die freilich leicht ist. Aber seine innere Unabhängigkeit auch von Gott, seine Freiheit auch in Bezug auf Gott lassen sie ruhen, weil dies eben das Schwerste ist.“
Die spezifisch menschliche Freiheit definiert sich nach Schelling durch eine zweifache negative Freiheit:
„Dadurch also, daß der Mensch zwischen […] der Natur und […] Gott in der Mitte steht, ist er von beiden frei. Er ist frei von Gott dadurch, dass er eine unabhängige Wurzel in der Natur hat, frei von der Natur dadurch, daß das Göttliche in ihm geweckt ist […]“ – Schelling: Stuttgarter Privatvorlesungen
Positive Freiheit ist für Schelling Religiosität, die er etymologisch von Gebundenheit her versteht und der Moralität entgegensetzt: „Religiosität“ ist die „höchste Entschiedenheit für das Rechte, ohne alle Wahl“. Somit ist für Schelling Freiheit primär Willensfreiheit. Heidegger nennt in seiner Vorlesung zu Schellings "Philosophischen Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit" fünf Freiheitsbegriffe. Er bestimmt dort
negative Freiheit als „Ungebundenheit, Freiheit von“ und
positive Freiheit „als Sichbinden an, libertas determinationis, Freiheit zu“.
Mit anderen Worten, die negative Freiheit als „Freiheit von“, bezeichnet allgemein das ungebundende Freisein von äußeren und inneren Zwängen. Die positive Freiheit, die als „Freiheit zu“ verstanden wird, ist die gebundene (determinierte) Freiheit der Willensentscheidung. Negative und positive Freiheit können sich sowohl auf Willensfreiheit als auch auf Handlungsfreiheit beziehen.
die Essenz geht der Existenz voraus - Avicenna
Mit der Freiheit ist die „Seiendheit“ (ousia), dem Wesen (essentia) verbunden, die das, was eine Sache zu dem macht, was sie ist, unabhängig davon, was mit ihr geschieht, ohne ihre Natur grundlegend zu verändern, bezeichnet. Das Wesen steht also dem Zufall entgegengesetzt.
Für Platon ist die Essenz (ousia) das, was den Formen oder Ideen (eidè) ihren wirklichen und ewigen Charakter verleiht. Aristoteles bezeichnet damit zum einen die konkreten Einzeldinge und zum anderen die Arten, denen diese Einzeldinge angehören. Zwei Hauptprobleme, die mit der Essenz zusammenhängen, haben die Geschichte der Philosophie geprägt:
das ihrer Bestimmung: Als Universalienstreit war sie Gegenstand einer lebhaften Debatte im Mittelalter, bei der die Frage lautet: sind die Allgemeinbegriffe im Geist dessen, der sie begreift, enthalten?
das ihrer Beziehung zur Existenz, bei der die Frage lautet: steht die Existenz in Bezug auf die Essenz an erster oder zweiter Stelle?
Für die Essentialisten, wie Avicenna, geht die Essenz der Existenz voraus und wird aus ihr abgeleitet. Für Existenzialisten, und insbesondere Sartre, geht die Existenz hingegen der Essenz voraus, wodurch der Mensch frei ist, sich selbst zu definieren: Er ist das, was er aus sich selbst macht.
die Existenz geht der Essenz voraus - Sartre
Die Existenzphilosophie (hier der Sartresche bzw. französische Existenzialismus) beschäftigt sich
zum einen mit der konkreten, individuellen, kontingenten Existenz vor der Essenz (dem Wesen, der Definition, der Vorbestimmung) des Menschen.
Die andere Priorität ist die Auseinandersetzung mit sog. „existenziellen“ Fragen und Situationen des Menschen. Hier wird Philosophie nicht als rein theoretisch-abstrakte Angelegenheit behandelt, die mit unseren existenziellen Fragen, Problemen und Sorgen nichts zu tun hat.
Vielmehr stellen gerade diese existenziellen Fragen den Ausgangspunkt der Existenzphilosophie dar.
Gerade durch die Auswahl dieser existenziellen Phänomene, bekommt die Existenzphilosophie den Ruf des Düsteren, Depressiven, Defätistischen. Zwei Denker haben diesen Philosophie geprägt und sind eng miteinander verbunden, Heidegger (Existenzphilosophie) und Sartre (Existenzialismus).
Geheimnisvolle Existenzphänomene
Um die beiden Begriffspaare Essenz und Existenz abgrenzen zu können, lohnt es sich im Zusammenhang mit der negativen und positiven Freiheit, die Denkweisen Heideggers und Sartres zu betrachten. Sartre der seinen Existenzialismus ("Das Sein und das Nichts") komplett auf Heideggers Existenzphilosophie ("Sein und Zeit") aufbaute, geriet mit seinem Idol in eine Kontroverse, die sich am Hegelschen Humanismus entlud. Die beiden Denker entwickelten später, nach ihren Hauptwerken unterschiedliche Auffassungen vom Sein, Dasein und Engagement um eine Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit bzw. das Für-sich und An-sich zu beschreiben.
Heidegger ging bei seinem Existenzialismus nicht von abstrakten Subjekt-Objekt-Relationen aus, seine Denkweise war geprägt vom genauen Hinschauen auf die Erscheinungen und Erlebnisse, wie sie uns Menschen widerfahren. Es ging ihm nicht um ein Denken aus reinen wissenschaftlichen oder philosophischen Begriffen, sondern ähnlich wie bei seinem Lehrer Husserl und seiner Phänomenologie um die Phänomene, wie sie sich unmittelbar im Bewusstsein des Einzelnen zeigen. Bei der phänomenologischen Reduktion (Epoché) geht es darum, die Strukturen der Erfahrung frei von theoretischen Annahmen und Vorurteilen zu erfassen, wobei die subjektive Erfahrung als Grundlage für jede Erkenntnis dient. Den jungen Sartre faszinierte das ungemein.
Der, welcher die Seinsfrage stellt, ist in seinem Sein schon durch ein bestimmtes Seinsverständnis ausgezeichnet - Heidegger
In Heideggers ontologischer Philosophie standen nicht abstrakte Wesenheiten, sondern das menschliche Leben, die menschliche Existenz mit Gefühlen, Stimmungen, Angst, Todesfurcht, Gewissensnöten und Verzweiflung plötzlich im Mittelpunkt. Es ging auch nicht um den Menschen an und für sich als blutleere Abstraktion; sondern um die konkrete Existenz des individuellen Menschen in der Zeit. Nicht unwesentlich in seiner Daseinsanalytik war auch eine damals sehr populäre Zeitkritik an der Oberflächlichkeit der modernen Zivilisation verborgen; jedoch ohne konservativen Gestus des ‚früher war alles besser’, sondern mit dem Pathos des Aufbruchs in neue Gefilde, dabei ohne übrigens genau zu sagen, wohin sich die Gesellschaft entwickelt.
Heidegger setzt sich in seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“ mit dem Sinn von Sein auseinander:
Sinn semantisch als Bedeutung des Wortes bzw. Begriffes Sein; aber auch
Sinn existenziell-normativ als Ziel und Wert des Seins.
Es ging ihm sowohl um die semantische Frage der Bedeutung des Begriffes „Sein“ als auch um die existenzielle Frage des Werts. Seine Denkweise ist so zu beschreiben: Um richtig zu fragen, muss man die Eigenart des Fragenden, also des Menschen, betrachten. Der, welcher die Seinsfrage stellt, ist in seinem Sein schon durch ein bestimmtes Seinsverständnis ausgezeichnet.
Nicht allein der Mensch und seine Existenz stehen als letztes Ziel der Untersuchung im Vordergrund; es ging Heidegger um das "Sein", das er über das menschliche Dasein und die bestimmte Form des Seins, besser zu verstehen suchte. Also nicht von Dingen als Muster ausgehend und damit den Mensch auch als Ding, als Gegenstand zu verstehen und so ein Seinsverständnis zu entwickeln, sondern umgekehrt: die ganz besondere menschliche Weise zu existieren– nämlich mit Bewusstsein, Gefühlen, Intentionen, Sorge und Angst, wie das nur uns Menschen eigen ist – zu analysieren und dies als Schlüssel zu nutzen, um die Welt zu verstehen.
Das menschliche Leben – unser Dasein, unsere Existenz – gelingt dann, wenn es sich selbst, seine ureigenen Möglichkeiten wirklich ergreift, statt aufzugehen in der alltäglichen Geschäftigkeit, in der Konformität der unreflektierten Anpassung an das, was alle machen und denken. – Heidegger
Heidegger betont in der Analyse des "Daseins" (des menschlichen Lebens) den Vorrang der Existenz vor der Essenz. Im Unterschied zu den Dingen ist der Mensch nicht auf ein Sein, ein Wesen, eine Definition festgelegt. Er ist kein vorgegebenes Ideal, das er nur besser oder schlechter verwirklichen kann - das Wesen des Menschen ist sozusagen, dass er kein Wesen hat:
„Das ‘Wesen’ des Daseins liegt in seiner Existenz.“, d.h. in seinem konkreten Existieren. „Das Was-sein (essentia) dieses Seienden muß, sofern überhaupt davon gesprochen werden kann, aus seinem Sein (existentia) begriffen werden.“
Heidegger spricht von dem „Vorrang der ‚existentia’ vor der essentia“ als eines der Charaktere menschlichen Daseins. Abgeleitet davon lässt sich das menschliche Dasein mit fünf Begriffen kennzeichnen (das sind alles Aspekte, die für Sartres Denken ein große Bedeutung gewinnen):
Individualität: Dasein ist immer das je meinige, ist nicht vertretbar, nie nur Exemplar einer Gattung. Heidegger spricht von „Jemeinigkeit“
Potentialität: Dasein ist Möglichkeit, auf Zukünftigkeit ausgerichtet, Entwurf, nie gänzlich auf eine Wirklichkeit festgelegt, in einer Definition aufgehend. Heidegger spricht von der Doppelung von „Geworfenheit“ und „Entwurf“
Reflexivität: Dasein verhält sich zu sich; ist das Sein, dem es um sich selbst geht.
Kontextualiät: Dasein ist immer bezogen auf einen Kontext, einer Welt, in der es immer schon ist, zu der es nicht erst in Verbindung treten muss. Heidegger sprich vom „In-der-Welt-Sein“.
Praxis: Dasein ist in der Welt nicht primär theoretisch beobachtend, sondern praktisch handelnd; der besorgende und sorgende Zugriff auf die Dinge gibt ihnen erst Bedeutung für unser Leben.
Die Welt bzw. die Dinge der Welt erscheinen uns, dem Menschen, in seinem Dasein nun in zwei Modi, dem Modus von Theorie und Wissenschaft (Vor-handenheit) und dem Modus der Alltäglichkeit (Zu-handenheit):
Zu-handenheit: der praktische Bezug wie zu einem Hammer, der mir zuhanden ist, der im Horizont meiner praktischen Besorgungen auftritt (übrigens ist „Sorge“ in einem sehr weiten Bedeutung ein Schlüsselbegriff für Heideggers Sicht menschlicher Existenz; der primäre Zugang zur Welt).
Vor-handenheit: das unbezügliche einfache Dasein. Der theoretische Zugang zu den Dingen, die einfach nur bezugslos vorhanden sind und als Objekte interesselos und neutral analysiert werden können, ist nur ein abgeleiteter, den wir uns quasi als Luxus leisten können, wenn wir von der alltäglichen Sorge entlastet sind.
Die neutrale Analyse ist auch der Modus von Theorie und Wissenschaft. Er erscheint erst, wenn der Mensch gleichsam in einer Ruhepause, vom Handlungsdruck entlastet, die Welt rein theoretisch anschaut.
Unser Leben vollzieht sich normalerweise im Modus der Alltäglichkeit, d.h. im Durchschnittlichen, Normalen, Unauffälligen. Dies alltägliche Dasein ist mehr ein Mit-Sein mit anderen als ein Selbst-Sein. In ihm herrscht meist das vor, was Heidegger das „Man“ nennt. Wie in Sätzen wie: „Das tut man nicht!“, „Das trägt man heutzutage“ zu einem modischen Kleid. Dies ist die anonyme Macht der Öffentlichkeit, die den Menschen zur Konformität bringt.
Das menschliche Mit-Sein wird von Heidegger primär negativ charakterisiert unter Maßgabe des sog. „Man“, also der sanfte Zwang zur Konformität, welche dem eigenen Selbst die Last des Leben-Führens abnimmt. Unter der Maßgabe des „Man“ verfehlt die menschliche Existenz ihre ureigenen Möglichkeiten.
Den Ausweg sieht Heidegger in den existenziellen Situationen (Grenzsituationen), bei denen man sich selbst nicht mehr aus dem Weg gehen kann; bei denen man vor das Nichts gestellt wird. Scheinbare Sicherheiten, in denen man bequem ruht, werden einem plötzlich genommen. So wird man von der Uneigentlichkeit, in der man sich das Leben sozusagen führen lässt, zur Eigentlichkeit gebracht, in der man sein Leben selbst führt, man selbst ist, die Existenz sich selber zu eigen ist (deshalb Eigentlichkeit). Es sind drei Grenzsituationen, die dazu führen können:
Angst: nicht im Sinne der Furcht vor etwas Bestimmten, sondern Angst vor ganzer Welt, vor ganzem Sein.
Tod: das Bewusstsein über die Endlichkeit, dass der Mensch endlich ist, wir auch nicht sein können; nicht nur theoretisch, sondern als wirkliches Erfassen, dass das nicht nur irgendwie jeden, sondern konkret mich betrifft).
Gewissen: Ruf des Gewissens als existenzielles Phänomen, der Aufruf zur Selbstwerdung, der das Individuum aus der Unauthentizität des "Man" (der Allgemeinheit) in die eigentliche Existenz führen soll.
Sartre unterscheidet in seinem Existenzialismus bzw. seinem Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" grundsätzlich das „An-sich(-Sein)“ und das „Für-sich(-Sein)“. Mit diesen Begriffen benutzt er zwar die Terminologie Hegels, doch inhaltlich steht die Heidegger’sche Unterscheidung der puren Vorhandenheit der Dinge und dem Dasein, der Existenz des Menschen.
Das „An-sich“ ist das Sein der Dinge, von Gegenständen. Es ist sozusagen die Sphäre der Objektivität überhaupt. Objekte sind einfach da, so wie sie sind, sie haben keine Möglichkeit, keine Freiheit, sie sind determiniert. Gegenstände haben kein Verhältnis zu ihrem Sein, sie verfügen nicht darüber, besitzen es nicht:
„Der Gegenstand ‚besitzt’ das Sein nicht, und seine Existenz ist nicht eine Teilhabe am Sein, noch irgendeine andere Art der Beziehung. Er ‚ist’, das ist die einzige Weise, in der man seine Art zu sein definieren kann.“
Das An-sich ist das völlige Zusammenfallen mit sich selbst, Übereinstimmen mit sich selbst; es ist sozusagen völlige Dichte, ohne Bruch:
„Das An-sich ist einfach es selbst, und man wird sich keine totalere Fülle, keine vollkommenere Angleichung von Inhalt und Beinhaltendem vorstellen können.“
Es ist das Sein, dem es um sein Sein geht. - Heidegger
Dem gegenüber steht das Für-sich. Im Gegensatz zum An-sich kann es sich zu sich selbst „verhalten“. Heidegger sagte: es ist das Sein, dem es um sein Sein geht. Nach Sartre kann es sich auch selbst transzendieren (überschreiten), indem es sich zur Welt und zu anderen Menschen verhält, also in Beziehung setzt.
Die Eksistenz von der Heidegger sprach, meint die wörtliche Bedeutung aus dem Lateinischen: als ein Heraus-Stellen, ein Hinaus-Stehen in die Welt, in das Sein. Diesen Begriff Heideggers, „In-der-Welt-Sein“, beschreibt Sartre als ursprünglichen Zusammenhang (rapport) zwischen Mensch und Welt.
Das Für-sich ist für Sartre nicht einfach Erscheinung eines Seins, sondern „Entwurf“ (projet). Heidegger sprach von „Geworfenheit“ und „Entwurf“ als Grundcharakteristika menschlichen Daseins. Menschliches Sein ist nach Sartre also Entwurf eigenen Seins. Nach seinem Ansatz, gehen wir nicht in unserem momentenan So-Sein auf, sondern wir entwerfen uns auf eine Zukunft hin. Der Mensch hat Möglichkeiten; wir haben die Wahl, wir können uns auch kritisch uns selbst gegenüber verhalten und müssen nicht einfach in ruhiger Harmonie und Selbstgenügsamkeit mit uns übereinstimmen.
Ermöglicht wird das durch das Nichts als Loch in der Dichte des Seins, das erst Möglichkeiten und Freiheiten für den Menschen freimacht. Das Für-sich erstreckt sich immer in die Zukunft; es hat Perspektiven, Pläne, Erwartungen, Hoffnungen.
Hier übernimmt Sartre das Verb „nichten“ von Heidegger: damit „nichtet“ es seine eigene Vergangenheit, die zum An-sich (da möglichkeitslos) herabsinkt.
wenn ich das Schwindelgefühl, ich selbst zu sein, nicht aushalte, kann ich jemand anders sein.
Der Mensch hat immer Alternativen: Wir können so sein oder auch nicht, dieses in Zukunft machen oder auch nicht. Durch die Möglichkeit der Negation gewinnen wir erst unsere Freiheit. Ohne Nein sagen zu können (zu der Gegenwart, zu dem, wie wir gerade sind), sind wir nicht frei. Das Nichts ist nicht außerhalb des Seins, sondern „im Schoße des Seins selbst, in seinem Herzen, wie ein Wurm“.
Und wie bei Heidegger sind es für Sartre negative Gefühle, die uns gerade auf unserer Freiheit bringen, so wie bei Heidegger etwa die Angst: „In der Angst ergreift der Mensch das Bewusstsein seiner Freiheit“. Das Mit-Sein (mit anderen), das bei Heidegger eher unterbelichtet war und nur unter der Überschrift „Man“ als anonyme Macht der Öffentlichkeit und nicht als dialogisches Prinzip oder Intersubjektivität firmierte, wird bei Sartre stark gemacht. Zuerst noch negativ bedrohlich, später durchaus positiv als Ermöglichung solidarischen freien Handelns.
So definierte Sartre in seinem Hauptwerk im Kapitel „der Ursprung der Negation“ die „mauvaise foi“ als die Haltung desjenigen, der sich in einer Art Verdoppelung des Bewusstseins selbst belügt, in Anlehnung an die Analyse der „Diktatur des ‚Man‘“, die von Heidegger jedoch nicht moralisch intendiert war. In Kürze bedeutet dies: wenn ich das Schwindelgefühl, ich selbst zu sein, nicht aushalte, kann ich jemand anders sein (Caws:2014:58). Sartre beschreibt einen Kellner, der ganz in seiner Kellnerrolle aufgeht, sodass er sich mit den ihn prägenden gesellschaftlichen Bedingungen identifiziert und seinen freien Willen verliert (Geyer:1999:206f). Doch kann er seine Rolle perfekt spielen, weil er sich selbst dabei gewissermaßen zuschaut und so eine innere Freiheit gegenüber seinem Rollenspiel gewinnt (Bollnow:1978:378).
Sartre definiert die „mauvaise foi“ somit als eine Lüge, bei der die Unterscheidbarkeit zwischen Täuschendem und Getäuschtem aufgehoben ist in der Einheit eines Bewusstseins (Jünke:2003:38). Damit lässt er im Existenzialismus das Misstrauen als eine paradoxe Grundbefindlichkeit des Bewusstseins entstehen, durch die Annahme in seinen drei Essays "Ist der Existenzialismus ein Humanismus?": „Der Mensch ist zuerst ein Entwurf, der sich subjektiv lebt“, bei der sich das Bemühen um Identität notwendig als Schauspiel vollziehen muss (Bonnemann:2007:266): „man kann vor lauter Aufrichtigkeit der ‚mauvaise foi‘ verfallen. Totale und konstante Aufrichtigkeit als konstante Bemühung, sich selbst treu zu bleiben, ist naturgemäß die konstante Bemühung, sich von sich selbst zu desolidarisieren.“ Doch „das soll nicht heißen, daß man der ‚mauvaise foi‘ nicht radikal entgehen könnte“ (Geyer:1999:205). Der in der Résistance aktive Arbeiterführer Pierre Dumaine in Sartres Drehbuch „Das Spiel ist aus“ (1943) sei der Vertreter der Aufrichtigkeit (bonne foi).
Für Sartre bleibt aber die paradoxe Kapitulation vor dialektischen Denk- und Bewusstseinsprozessen nicht das letzte Wort wie dann für den postmodernen Dekonstruktivismus. Gegen die paradoxe Neutralisierung von "bonne foi" und "mauvaise foi" setzt Sartre das existenzialistische "Dennoch!"
Im dialektischen Diskurs stellt Sartre seiner These von der erkannten Realität eine Antithese als Konstrukt von Problemen und Widersprüchen gegenüber, woraus ein neues Konstrukt als Synthese hervorgebracht werden soll, was ihm in seiner Radikalität allerdings nicht gelingt - Sartre bekommt die reale Dialektik des Selbstbewusstseins überhaupt nicht in den Blick. Zum Verständnis: Bei Hegel ist Dialektik die der Metaphysik entgegengesetzte Methode der Erkenntnis und das Prinzip der Dinge, das Prinzip der Selbstbewegung des Denkens und der Selbstbewegung der Wirklichkeit. Dialektik wird zur Lehre von den Gegensätzen in den Dingen und Begriffen sowie zur Aufhebung der Gegensätze, die später in der Philosophie Friedrich Engels und Karl Marx zur Geltung kommt.
Bei der Betrachtung der "mauvaise foi" als Ideologie kommt die Schwäche des Existenzialismus bzw. der Mangel Sartres Subjektivitätstheorie zum Vorschein, da Sartre dem Einzelnen die volle Verantwortung im Kampf um seine Authentizität aufbürdet: Der Einzelne ist selbst schuld, wenn er sich nicht in freier Wahl gegen ein Leben in der "mauvaise foi" entscheidet (Honneth:1988:73-83). Dass das Einzelbewusstsein so frei eventuell gar nicht ist, dass es unentrinnbar in seine unbewussten Antriebe, seine Verdrängungen, sozialen Rollen, Mythologien und Ideologien verstrickt sein kann, lässt Sartre noch nicht zu (Fetscher:1988:226-246). Erst später 1960, in seinem zweiten großen philosophischen Werk, seine "Kritik der dialektischen Vernunft" (Critique de la raison dialectique), versucht er eine stärker intersubjektive Komponente in seiner Subjektivitätstheorie aufzunehmen. Mit Bezug auf den Marxschen Entfremdungs- und Ideologiebegriff sowie auf die Freudsche Psychoanalyse nimmt Sartre dem Einzelnen nun einen Teil der Verantwortung für sich selbst ab, aber er gelangt nicht zu einer integrierten Ideologie- und "mauvaise-foi"-Theorie (Seel:1988:276-293).
Eine andere Perspektive auf den existenziellen mauvaise foi bietet die Definition als „unkorrekte Koordination von Faktizität (tatsächlichem Verhalten) und Transzendenz (Entwurf)“ (Dandyk:2002:14). Sartre hat dies in seinem Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“ inszeniert, wo der Revolutionär Joseph Garcin nicht annehmen will, dass er feige gewesen ist, und sagt „Die Hölle, das sind die Anderen“, weil die Unaufrichtigkeit den anderen gegenüber nicht mehr funktioniert. Das wird auch in seinem philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" in der Analyse des „Blicks“ durchexerziert. Es ist der Perspektiv-wechsel, der mich zum rein „An-sich“ machen kann, also auf ein bestimmtes Sein ohne Freiheit festlegen: Die Anderen nehmen mich aus dem Zentrum der Welt, durch sie wird klar, das es auch andere Zentren, andere Blicke und Perspektiven gibt. Im festen Urteil der Anderen wird mir die Möglichkeit, die Freiheit genommen, so oder auch nicht so zu sein. Dass es andere "Bewusstseine" gibt, ist also offensichtlich. Aber wie erleben wir das?
Alles, was ein Bewusstsein wahrnimmt, sind Dinge, Wesen, die sich im Raum ausbreiten. Es nimmt kein Bewusstsein wahr. Dazu müsste man das Bewusstsein des anderen spüren, mit ihm in Verbindung treten, kurz gesagt, selbst zu diesem anderen werden, was absurd ist: Wir würden niemanden mehr kennen. Dennoch wissen wir, dass es andere Bewusstseine gibt; wir stehen in Beziehung zu anderen. Es gäbe also etwas, das nach außen hin zeigt, dass es kein Ding ist, sondern ein Bewusstsein. Um dies zu erklären, stützt sich Sartre auf eine besondere Erfahrung: die Scham.
Ich spähe durch ein Schlüsselloch. Ich bin ganz in meine Tätigkeit vertieft, ich bin ein handelndes Bewusstsein, das den Körper-Gegenstand beherrscht, der sich auf der anderen Seite zu schaffen macht. Da kommt jemand. Ich spüre seinen Blick auf mir. Ich schäme mich. Ich bin ertappt. Jetzt bin ich das Ding, das Objekt, das betrachtet wird, ich bin nicht mehr der Herr; ich bin mir der Existenz eines anderen Bewusstseins bewusst. ("J’épie quelqu’un par le trou d’une serrure. Je suis absorbé par mon activité, je suis une conscience en action, qui domine le corps-objet qui s’affaire de l’autre côté. Survient quelqu’un. Je sens son regard se poser sur moi. J’ai honte. Je suis pris. Voici qu’à présent c’est moi la chose, l’objet regardé, je ne suis plus le maître; j’ai conscience de l’existence d’une autre conscience".)
Man entdeckt den anderen nicht, indem man ihn ansieht (in diesem Fall objektiviert man ihn, und sein Bewusstsein manifestiert sich nicht), sondern indem man sich von ihm angesehen (objektiviert) fühlt. Wenn ich andere anschaue, sehe ich nicht ihren Blick, ich sehe ihre Augäpfel, die Dinge sind; ich nehme ihren Blick nur dann als aktiven Blick eines Bewusstseins wahr, wenn ich mich beobachtet fühle, wie ein Ding, unter diesem Scheinwerfer, kurz gesagt, in dem Moment, in dem ich sie nicht mehr anschaue, auch wenn ich sie sehe.
Der Blick des anderen beraubt mich meiner völligen Freiheit, indem er mich zu einem Objekt macht. Er erstarrt meine Freiheit, weil er mich beurteilt. Der Sinn meines Seins liegt nicht mehr nur in mir selbst, sondern im Bewusstsein des anderen. Er spricht nämlich von mir wie von einem Ding, indem er sagt: „ Er ist dies, er ist so“ ("Il est ceci, il est comme cela"), während ich nichts bin. Aber genau das ermöglicht auch die Selbsterkenntnis. Denn ohne den Blick der anderen auf mich hätte ich keine Gelegenheit, mich selbst zum Objekt zu machen und zu versuchen, mich so zu sehen, wie mich die anderen sehen. Ich wäre ein Wesen ohne Selbstreflexion, reine Spontaneität.
Beziehungen zu anderen erscheinen daher im Wesentlichen als konfliktreich. Entweder ist der andere das Objekt und ich das Subjekt, oder er ist das Subjekt und ich das Objekt. Auf die Enteignung meiner Freiheit durch den Blick des anderen ist die Antwort einfach: Ich werde meinen Blick auf ihn richten und seine Freiheit auf den Rang eines Objekts reduzieren.
Dieser Versuch zeigt sich beispielsweise im sexuellen Verlangen: Ich versuche in der körperlichen Liebe, den anderen zu besitzen, indem ich seinen Körper besitze. Es geht darum, den anderen zu einem bloßen begehrenden Körper zu machen, sein freies Bewusstsein in seinen Körper hinabsteigen zu lassen, es gewissermaßen dort festzuhalten. Angesichts des Scheiterns einer vollkommenen Besitzergreifung kann das Verlangen in Sadismus umschlagen, der nicht mehr darauf abzielt, das Bewusstsein des anderen im begehrenden Fleisch zu verankern, sondern es kaltblütig zu beherrschen, indem er es durch Leiden zur Unterwerfung zwingt. Aber der Sadist versteht sein Scheitern, wenn sein Opfer ihn ansieht.
Die andere Haltung besteht darin, sich selbst zum Objekt zu machen, um die Freiheit des anderen einzuschränken. Es geht darum, sich geliebt zu machen: Indem ich den anderen verführe, zwinge ich ihn, seine Freiheit einzuschränken und meine anzuerkennen. So rechtfertigt der andere, ohne aufzuhören, ein freies Subjekt zu sein, meine Existenz. Das ist das Ideal der Liebe: den anderen zu besitzen, ohne dass er aufhört, frei zu sein, um von ihm als unersetzlich anerkannt zu werden. Aber dieses Spiel der Verführung und Faszination ist eine gegenseitige Täuschung. Der andere kann nicht gleichzeitig frei und unfrei sein. Er ist frei, und ich besitze nichts von seiner Freiheit.
Da es eine Freiheit zu viel gibt, könnte ich versucht sein, meine eigene Freiheit aufzugeben; das ist Masochismus: Ich spiele, ein Objekt in den Händen eines anderen zu sein. Aber das ist nur eine weitere Lüge, die ich mir selbst erzähle. Ich bin unaufrichtig: Ich spiele freiwillig, ein Ding zu sein.
Anhand Sartres beispielhaften Szene, bei der das Ertapptfühlen, das Gefühl der Scham hervorruft, wird die Unterscheidung von An-sich und Für-sich durch Heideggers Existenzbegriff, bei dem Entwurf, Möglichkeit und praktischer Weltbezug wesentlich sind, deutlich: Ich blicke aus Eifersucht durch ein Schlüsselloch, plötzlich spüre ich hinter mir jemanden, der sich nähert. Ich schäme, da ich plötzlich auf das Bild des heimlichen Gaffers festgelegt bin, auf das „An-sich“, das anderer sieht und beurteilt. Sartre entwickelte daraus eine Art "atheistische Philosophie der Freiheit und des Engagements". Dies zeigt sich am klarsten in dem Theaterstück „Die Fliegen“ bei dem mit dem Stoff eines griechischen Mythos wo die Bedeutung von Freiheit, Hoffnung, aber auch Reue aufgezeigt wird, und seinem Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus“.
Göttern sind ängstliche Naturen angenehm, und die irdischen Herrscher (hier: Egisthe, der neue König und Mörder des Alt-Königs Agamemnon) halten die Menschen durch Angst in Schach, bis sie selbst an die Angst glauben. Sohn von Klytämnestra und Agamemnon Oreste will nun mit seiner Tat Reue und Schuld überhaupt ausrotten:
[Des Königs und Jupiters] „Das schmerzliche Geheimnis der Götter und der Könige, dass nämlich die Menschen frei sind. Sie sind frei, Egisthe. Du weißt es, und sie wissen es nicht. [...] Wenn einmal die Freiheit in die Menschenseele aufgebrochen ist, können die Götter nichts mehr gegen diesen Menschen.“
Oreste kehrt nach fünfzehn Jahren in seine Heimatstadt Argos zurück, um sie von der Schreckensherrschaft zu befreien, das Egisthe mit Jupiters Billigung errichtet hat. Oreste erschlägt Egisthe, der seinen Vater getötet hat, und seine Mutter Klytämnestra. Nicht – wie bei den früheren Dramatikern –, um die Ermordung seines Vaters Agamemnon zu rächen, sondern weil es sich in der gegenwärtigen Lage als gut, d. h. zweckmäßig, erweist. Denn mit diesem Akt der Freiheit beendet Oreste die Fliegenplage, das Symbol der Angst und einer Psychose der Schuld (vergleichbar mit den antiken Erinnyen, Göttinnen der Reue), mit deren Hilfe Egisthe herrschte. Oreste, fällt also eine Entscheidung und handelt, wird so erkannt: erst er selbst, er ergreift durch das Handeln seine Freiheit. Dieser Zusammenhang von radikaler Freiheit, Wahl und Entscheidung sowie Handlung entwickelt Sartre dann in popularisierter Form in seinem bejubelten Vortrag: „Der Existentialismus ist ein Humanismus“.
[…] Macht basiert darauf, daß die Menschen nicht wissen, daß sie eigentlich frei sind.“ - [Sartre, Die Fliegen, Des Königs und Jupiters]
Nachdem Electre, Tochter von Klytämnestra und Agamemnon, die ihn zu der Tat überredete, ihn verlassen hat, wird er nun seinerseits von den Fliegen gepeinigt, ist aber keiner Gottheit und keinem König untertan. Im existentialistischen Sinn ist er frei und begibt sich ins Exil.
Nehmen wir einen Gott als Schöpfer an, so ist alles, auch wir selbst nach einem Muster, wie am Beispiel des Sartreschen "Papiermessers" zu begreifen. Alles hat erst schon als Modell im Geiste Gottes existiert, bevor es real – durch die Schöpfung – in die Existenz trat. Nehmen wir aber keinen Gott an, so kann nicht mehr die Essenz der Existenz vorausgehen:
„Der atheistische Existentialismus [...] erklärt, dass, wenn Gott nicht existiert, es mindestens ein Wesen gibt, bei dem die Existenz der Essenz vorausgeht, ein Wesen, das existiert, bevor es durch irgendeinen Begriff definiert werden kann, und dass dieses Wesen der Mensch, oder, wie Heidegger sagt, die menschliche Wirklichkeit ist. Was bedeutet, dass die Existenz der Essenz vorausgeht? Es bedeutet, dass der Mensch zuerst existiert, sich begegnet, in der Welt auftaucht und sich danach definiert.“
Es gibt also kein festes Wesen des Menschen. Vielmehr ist der Mensch das, wozu er sich macht. Er entwirft sich, plant sich selber auf eine Zukunft hin: Der Mensch ist zuerst ein „Entwurf“ (wie bei Heidegger). Somit ist „der Mensch verantwortlich für das, was er ist“. Denn kein Gott, keine höhere Macht hat ihn als so und so festgelegt vorherbestimmt. Die Verantwortung geht noch weiter: Er ist für alle Menschen verantwortlich. Die Verantwortung realisiert sich in seinen Entscheidungen, er wählt in seinem Leben eine bestimmte Weise sich zu verhalten, damit wählt er sozusagen sich als einen bestimmter Typ Mensch (gibt sich so eine Essenz). Damit bindet er sich selbst – aber im Prinzip auch alle anderen Menschen: Indem ich wähle, entwerfe ich eine bestimmtes Bild vom Menschen. Wenn ich heirate binde ich alle an die Monogamie: „indem ich wähle, wähle ich den Menschen“ .
„der Mensch ist verantwortlich für das, was er ist“
Die individuelle Wahl und Entscheidung verdeutlicht Sartre eindrucksvoll an einem zeitgeschichtlich aktuellem Beispiel: Ein junger Mann, der die Wahl hatte, nach England zu gehen und sich dort den freien französischen Streitkräften anzuschließen oder bei seine Mutter zu bleiben und ihr zu helfen. Keine Moral half ihm, denn es gab zwei Typen von Moralen. Für die eine oder die andere muss er sich entscheiden. Es gibt auch keine Ausreden: Sucht man bei einem anderen Rat, hat man sich den Ratgeber selbst ausgesucht; empfängt man ein Zeichen, hat man sich die Bedeutung des Zeichens selbst zurechtgelegt; ist man in einer sehr beengenden Situation, kann man sich immer noch verschieden zu ihr verhalten. Hierbei sind zwei Missverständnisse zu vermeiden:
Es geht nicht um Beliebigkeit, sondern um Bindung und tiefe Verantwortung: mit jeder Entscheidung bindet man sich an eine bestimmt Art zu sein. Damit bindet man auch alle anderen, da man eine bestimmte Art zu sein, für die bessere erklärt.
Außerdem ist die Wahl und die damit verbundene "Selbst-Erfindung" (Entwurf) nicht eine geistige Angelegenheit, sie erweist sich nur in der Tat, in der Handlung: wir selbst werden das, was wir sind, erst in der Handlung. Wie schon Jean Cocteau einmal sagte, "es gibt keine Liebe, sondern nur Liebesbeweise". Bei Sartre heißt das: Für den Existenzialisten gibt es keine Liebe als die, die verwirklicht wird. Der Mensch ist, was er vollbringt. Der Mensch ist nichts anderes als sein Leben (bei Heidegger: die Priorität des praktischen Weltbezugs vor der rein theoretisch-betrachtenden Existenzweise).
„Wir sind verlassen, ohne Entschuldigung. Das meine ich, wenn ich sage, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“ - J.-P. Sartre
Die Quintessenz heißt bei Sartre: „der Mensch ist Freiheit“: denn es gibt keinen Gott, keine Vorherbestimmung, keine menschliche Natur, auf die er sich berufen kann.: „Wir sind verlassen, ohne Entschuldigung. Das meine ich, wenn ich sage, der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.“
Es geht Sartre um aufrichtige Authentizität: Der Mensch muss zu seiner Freiheit stehen, keine falschen Ausreden suchen, seine Freiheit und die aller verwirklichen. Was Sartre als Authentizität bzw. Aufrichtigkeit ("bonne foi") einerseits, Unaufrichtigkeit („mauvaise foi“) andererseits benennt, war bei Heidegger: Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit der Existenz. Man kann so tun, als ließe sich die Last der Existenz von anderen abnehmen (vom „Man“, von der Diktatur der öffentlichem Meinung), oder man kann versuchen, man selbst zu sein: Dann ist die Existenz sich zueigen –somit eigen-tlich (so Heidegger).
In seiner Rede stellt Sartre den Existenzialismus bewusst als Humanismus dar: Der Mensch stehe im Mittelpunkt. Es gibt nur ihn als Mittelpunkt der Welt und nichts dahinter. Da es keinen Gott gibt, haben die Werte kein anderes Fundament als den Menschen selber. Er muss sie neu erfinden – in seinem Handeln:
“Humanismus, weil wir den Menschen daran erinnern, dass es außer ihm keinen anderen Gesetzgeber gibt und dass er in seiner Verlassenheit über sich selber entscheidet; und weil wir zeigen, dass nicht durch Rückwendung auf sich selber, sondern immer durch Suche nach einem Ziel außerhalb seiner selbst, welches diese oder jene Befreiung, diese oder jene besondere Verwirklichung ist – das dadurch der Mensch sich als humanes Wesen verwirklichen kann.“
Menschliches Dasein hatte Heidegger in „Sein und Zeit“ nur als Vorbereitung für die große Frage nach dem Sein überhaupt behandelt und sei dabei (so sah es der spätere Heidegger) zu sehr beim Menschen stecken geblieben. Jetzt sei eine "Kehre" nötig: Nicht mehr könne man das Sein vom menschlichen Dasein her verstehen, sondern man müsse umgekehrt das menschliches Dasein von seinem Bezug auf das Sein verstehen. In der Antwort auf Sartres Humanismus-Rede, erteilte Heidegger ihm eine Absage, einer Philosophie gegenüber, in deren Mittelpunkt der Mensch stand. Heideggers Kehre in der philosophischen Entwicklung ist sozusagen, vom Dasein als der menschlichen Existenz zum Sein selber zu beschreiben.
Heideggers Begriffe werden nun sozusagen weniger aktiv, eher passiv. Der Mensch soll sich nicht mehr als aktivisches Subjekt begreifen, sondern eher auf das Sein hören, im Sinne von weg vom Handeln in der Welt hin zur Offenheit für das Sein. Es ist nicht mehr von Dasein als Geworfenheit und Entwurf die Rede, sondern vom Geschick des Seins; das Sein schickt sich uns sozusagen. Es geht nicht mehr um die „Sorge“ um unser Dasein, um das Besorgen der eigenen Dinge, sondern um die Aufgabe des Hütens – als „Hirte des Seins“, um die „Sorge für das Sein“. „Existenz“ wird wörtlich übersetzt zum Hinausstehen in die Offenheit des Seins (das „ek-statische Wohnen in der Nähe des Seins“).
„Das Denken handelt, indem es denkt“
Heidegger beginnt in seinem Humanismus-Brief mit einer für Sartre typischen Frage, der Frage nach dem Handeln und erklärt, es sei falsch, dies als Bewirken von etwas zu verstehen, vielmehr ist wahres Handeln im wörtlichen Sinn ein Hervor-bringen: man kann nur etwas wohin bringen, was vorher schon war. Das Denken ist für Heidegger keine Vorbereitung für eine äußere Handlung, ein Schaffen oder Erfinden von Neuem, wie bei Sartre, sondern im Denken kommt das Sein zur Sprache: „Das Denken handelt, indem es denkt“ (Denken ist „engagement par l’Etre pour l’Etre“ als genitivus subjectivus zu genitivus objectivus). Heidegger schreibt (in einer Situation, in der man praktisch wirksames politisches Bekenntnis erwartet): Es geht ums Denken, und Denken darf nicht instrumentell in einem technischen Verständnis nur als Vorbereitung von Handeln gesehen werden.
Das klingt schon wie eine Polemik gegen die Philosophie des Handelns und des Engagement bei Sartre. Heidegger wendet sich gegen die Priorisierung des Menschen und seiner Existenz. Nein, das Sein muss im Vordergrund stehen. Nur indem der Mensch das Sein zur Sprache bringt, als Hirte des Seins fungiert – und nicht indem er sich zum Herrn des Seins aufschwingt –, bekommt der Mensch seine Würde. Alles andere ist Metaphysik des Subjektivismus, der die Welt in ihrem Sein als Ereignis nicht auf sich zukommen lässt, sondern mit menschlichen Begriffen und Zwecken vergewaltigt, und so das Sein verstellt, der Seinsvergessenheit Vorschub leistet. Gegen den üblichen Humanismus schreibt Heidegger: „es kommt nicht auf den Menschen, lediglich als solchen, an“.
Heidegger zitiert Sartres Satz aus dem Humanismus-Vortrag: „genau genommen sind wir auf einer Fläche, wo es nur Menschen gibt“. Heidegger verbessert: „genau genommen sind wir auf einer Fläche, wo es nur das Sein gibt“. Und er versteht das ‚es gibt’ so: dass das Sein sich uns gibt (sozusagen offenbart). Hier ist der klare Bruch mit Sartre: Bei Sartre geht es darum, dass der Mensch sich selbst wieder finden und das bedeutet: er-finden muss, indem er nichts Höheres anerkennt. Bei Heidegger findet der Mensch seine Würde erst dadurch, dass er Halt in etwas Geheimnisvollen findet, das mehr ist als seine Subjektivität: und das nennt er das Sein. Er sagt zwar: „das ‚Sein’ – das ist nicht Gott und nicht ein Weltgrund“; aber die Stimmung bleibt fromm, andächtig, ehrfürchtig. Bei Sartre ging es immer um das Handeln: Heidegger sagt aber: Es geht darum, das Sein sein lassen zu können. Heidegger spricht in diesem Sinn auch von einer notwendigen „Gelassenheit“. (Roth:2009:Vortrag)
Übergang vom Individuum zum Subjekt
Die oben definierten Begriffe der negativen und positiven Freiheit werden in der noch jungen Mußeforschung untersucht. Dort wird Muße als phänomeno-logischen Potenzialraum der Selbstkonstitution, sprich der Neuschöpfung des Subjekts beschrieben. Die Frage lautet: Wie konstituiert sich das Selbst zwischen Verschmelzung und Abgrenzung? Muße ist demnach eine Erfahrung positiver Freiheit, die durch Offenheit und Selbstzweckhaftigkeit im Tun (die Freiheit, etwas zu tun) charakterisiert. Wichtige Voraussetzung hierfür ist die Erfahrung negativer Freiheit, also Freiheit von etwas (z. B. von Fremdbestimmung, Routinen, extern auferlegte Sinnstrukturen).
Vereinfacht ausgedrückt stellt Muße eine Erfahrung der positiven Freiheit dar, die aus einem Moment der negativen Freiheit entsteht (Gimmel/Keiling:2016:61). Dadurch können die für Muße charakteristischen Freiräume für Neues entstehen, die Muße paradoxer Weise produktiv werden lassen (Dobler/Kasten:2023:XII). Für Muße als Form temporärer, individueller Freiheitserfahrung ist die negative Freiheit damit conditio sine qua non, also unabdingbare Voraussetzung (Litschel:2022:100-107).
Für ein Subjekt wesentlich, jedoch nicht hinreichend, ist ihr räumlich und zeitlich bestimmtes Wesen. Es hat somit ein Selbstbewusstsein, da es sich zu sich selbst im Denken verhält. Der Übergang eines Menschen vom Individuum zum Subjekt ergibt sich aus der Zurechnung von geistigen Fähigkeiten und einer Seele sowie der Erwartung, dass das Individuum seine Handlungen aufgrund mehr oder weniger freier Entscheidungen selbst bestimmen kann.
Andererseits besteht das Problem beim Subjekt, wie es als eigener Gegenstand im Bewusstsein mit sich selbst als identisch gedacht werden kann, ohne in einen gedanklichen Zirkel zu geraten. Der Gedanke einer unmittelbaren, intuitiven Evidenz, dass ich mit mir selbst identisch bin, ist tautologisch (Tugendhat:1979:60). Nichtsdestotrotz, das Subjekt kann zu eigenen ebenso wie zu fremden Handlungen und Meinungen zustimmend oder ablehnend Stellung beziehen. Fühlen und Denken sind nicht zu trennen (Ciompi:1982:14f) und was „bewusst“ ist, ist vor allem das, was „zur Sprache gebracht“ werden kann (Ciompi:1982:22,206).
Der philosophische Abriss oben, mit ausgewählten klassischen Philosophen die sich auf die hier behandelnde Thematik beziehen, zeigt die unterschiedlichen Denkrichtungen und Auseinandersetzungen über das Subjekt, aus radikal vielschichtiger Perspektive, pessimistischer Haltung, begründet mit psychologischen Aspekten und mit objektiven metaphysischen Prinzipien. Diesen klassisch philosophischen Denkweisen (Nietzsche ausgenommen, den ich m. E. als seiner Zeit voraus sehe) die sich durchaus widersprechen, sollen Erkenntnisse neuer Denkschulen, aus der Systemtheorie und Gesellschaftstheorie, des Konstruktivismus, der Kognitionswissenschaften, der Verhaltensökonomik und der Neurophilosophie, Soziologie und Sozialphilosophie mit diskurs-, handlungs- und rationalitätstheoretischen Beiträgen gegenübergestellt werden. Als Ergänzung lies dazu den Beitrag zum Antrittsbesuch des Bundeskanzlers Friedrich Merz in Washington.
Identität des Subjekts im System
Nicht nur philosophisch, auch in der Soziologie und hier systemtheoretisch betrachtet, ist die Frage nach der Identität des Subjekts relevant, und zwar nicht nur im linearen Zeitablauf sondern mehrdimensional in der Komplexität der Wechselbeziehungen zwischen den systemischen Elementen. Die Systemtheorie betrachtet die Begriffspaare System und Umwelt radikal konstruktivistisch, also erkenntnistheoretisch.
"Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile" - Aristoteles
In der Diskussion der Erkenntnis stellt sich einerseits die Frage, inwieweit ein Subjekt mit sich identisch bleibt, wenn sich die Bedingungen seines Lebens wesentlich wandeln. Dabei spielen die Stufen und Prozesse der Evolutionsentwicklung, der Weg vom Kind zum erfahrenen reifen Menschen, ebenso eine Rolle wie kritische Lebensereignisse, wie schwere Erkrankungen bzw. Krankheiten (z. B. Demenz oder Krebs) oder Brüche im Leben durch die Erfahrung von Grenzsituationen (Life-Events). Es sind nicht die Elemente, sondern vielmehr ihre Beziehungen, die ein System ausmachen, über Rückkopplungen, Verzögerungen und Informationsflüsse. Diese Strukturen bestimmen das Verhalten des Systems. Systeme sind Menschen, Gruppen, Organisationen, die Gesellschaft. Werden Maschinen berücksichtigt, wird von Kybernetik gesprochen. Der gemeinsame Nenner ist die Kommunikation in seinen unterschiedlichen Formen.
Mit der Kommunikation sind Rückkopplungsschleifen (Feedbackloops; durch Regel, Informationsfluss oder Signal) verbunden und werden als
negativ bezeichnet, wenn sie ausgleichend, zielsuchend und stabilisierend auf das System wirken.
Positive Rückkopplung meint den selbstverstärkenden Mechanismus, der zu einer Veränderung im Zustand (den Beständen) des Systems führt (wenn viele Menschen die Grippe haben bekommen noch mehr Menschen die Grippe; wer reich ist wird noch reicher).
Bestände eines Systems sind bspw. Wasser in einem Stausee, das zur Stromgewinnung eingesetzt wird oder der Bestand der Bevölkerung sowie Flüsse (Zufluss von Wasser in den Stausee und Abflüsse durch die Turbinen, die Geburtenrate und Sterberate neue Medizin oder nicht behandelbare tödliche Krankheiten.
Von einer hohen Komplexität eines Systems wird gesprochen, wenn es aus vielen Elementen besteht, die auf verschiedene Weisen miteinander interagieren, wie z. B. das Weltfinanzsystem. Die Welt ist nichtlinear, die Beziehung zwischen zwei Größen eines Systems kann jedoch
linear sein, wie bei einer abbrennenden Kerze, bei dem das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung konstant/proportional ist, oder eben
nichtlinear wenn die Ursache keine proportionale/geradlinige erzeugt, sondern z. B. exponentielle Wirkung, wie Zins/Zinseszins am Beispiel des Finanzsystems.
Bilden sich neue Eigenschaften oder Strukturen eines Systems heraus, infolge des Zusammenspiels seiner Elemente, spricht man von Emergenz (Auftauchen). Dabei lassen sich die emergenten Eigenschaften des Systems nicht, oder jedenfalls nicht offensichtlich, auf Eigenschaften der Elemente zurückführen, die diese isoliert aufweisen. Die neue Eigenschaft ist anders bzw. mehr als die Summe der Einzelteile (z. B. menschliches Immunsystem; H₂0 ist „nass“; Stahl ist härter als die Summe von Eisen und Nickel).
Bricht eine vorher geradlinige und eindeutige Entwicklung durch bestimmte Rückkoppelungen abrupt ab, wechselt plötzlich die Richtung oder wird stark beschleunigt, wird dieser Moment der Wendepunkt als Kipp-/Umkipp-Punkt (Tipping Point) bezeichnet bzw. als qualitativer Umschlagspunkt.
Ansatzpunkte in einem System, an denen eine minimale Änderung zu einer beträchtlichen Verhaltensänderung des Systems führen kann, werden Hebelpunkte genannt. Hebelpunkte sind häufig nicht intuitiv erkennbar und wenn sie erkannt werden, wird oft verkehrt herum eingegriffen. So werden oft systematisch die Probleme verschlimmert, die gelöst werden sollen. Am Beispiel der Ökonomie, führen Kapitalismuskritiker hervor, dass noch immer Wirtschaftswachstum als Ziel verfolgt wird, um damit die Probleme zu lösen, die dadurch entstehen, wie bspw. Armut, Hunger, Umweltzerstörung, anstatt Wachstum zu begrenzen oder umzukehren (Meadows, Club of Rome).
Wandel in der Identität des Subjekts
Wandel im Leben bedeutet auch Wandel in der Identität des Subjekts, so dass man von einem einheitlichen Subjekt nur sprechen kann, sofern man die Einheit in der Vielfalt der Geschichte, der Rollen, der Interessen, Lebensentwürfe und der sich wandelnden Weltanschauungen eines Subjekts erfasst (Zima:2010:42). Der Mensch konstruiert seine eigene individuelle Wirklichkeit in seinem Gehirn (Siebert: 2004). Diese erzeugte Wirklichkeit hat allerdings keinen Anspruch auf Objektivität. Alle Erkenntnisse und alles Wissen des Menschen sind allenfalls Produkte der eigenen Wirklichkeitskonstruktion (Konstruktivismus). Um als lebendes System, der der Mensch ist, überleben zu können, muss dieser sich jedoch entsprechend seiner Umwelt "passend" (viabel) verhalten. Die Wirklichkeitskonstruktion wäre somit unter dieser Prämisse darauf ausgerichtet, erfolgreiches Handeln zu generieren.
Diese viable Erkenntnisse der eigenen Wirklichkeitskonstruktion entstehen in der Regel innerhalb sozialer Kontexte. Sprich, ist eine Erkenntnis gesellschaftlich konsensfähig, wäre sie zumeist auch viabel. Das bedeutet, die Wirklichkeit ist nicht nur von individuellen Subjekten konstruiert, sondern auch gemeinsam von Menschen (anderen lebenden Systemen in der Wechselbeziehung durch Rückkoppelung/strukturellen Koppelung) in einer gemeinsamen Lebenssituation.
Auch wenn das lebende System (der Mensch), durch seine Umwelt beeinflusst werden kann, entscheidet das System selbst, welchen Ausschnitt von Welt (und anderer Systeme) es betrachten möchte und wie stark es sich davon irritieren bzw. beeinflussen lässt. Erkenntnisse können so niemals unabhängig vom Subjekt, also dem Beobachter (Mensch), gesehen werden. Das erkennende Subjekt ist immer mit dem Erkenntnisgegenstand verbunden. Diese Wechselbeziehung lässt eine objektive Erkenntnis als unmöglich erscheinen. (vgl. Siebert 2004).
Zu den kognitiven Fähigkeit eine Veränderung herbeizuführen, ist der Mensch von Emotionen beeinflusst. Der Mensch ist vermutlich das emotionalste Wesen — was nur Sinn ergibt, wenn spezifisch Menschliches Gefühle formt und aktualisiert (Ciompi:2011:40). Dabei sollte die Gleichsetzung von „Gefühl“ (als emotionale Reaktion) und authentischer „Empfindung“ (als sensorische Wahrnehmung im Hier und Jetzt) auch im systemischen Kontext der Autopoiesis und Emergenz kritisch betrachtet, sogar vermieden werden.
„Der Satz ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze.“ - Ludwig Wittgenstein, Tractatus, 5
Elementarsatz als Wahrheitsfunktion (Tractatus)
Einen möglichen Ausweg aus der Unstimmigkeit über das Bewusstsein eines Subjekts, bietet Wittgenstein, der Begründungen zu Aussagen über unmittelbare Erfahrung als sinnlos bezeichnete. In seiner Abbildtheorie der Sprache sieht er den Elementarsatz als eine Wahrheitsfunktion seiner selbst (Tractatus logico-philosophicus, TLP 5ff):
„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“
„Ich bin meine Welt“ (der Mikrokosmos)
„Das denkende, vorstellende Subjekt gibt es nicht.“
„Das Subjekt gehört nicht zur Welt, sondern es ist eine Grenze der Welt.“
„Wo in der Welt ist ein metaphysisches Subjekt zu merken?
Du sagst, es verhält sich hier ganz wie mit Auge und Gesichtsfeld. Aber das Auge siehst du wirklich nicht. Und nichts am Gesichtsfeld lässt darauf schließen, dass es von einem Auge gesehen wird.“
„Das hängt damit zusammen, dass kein Teil unserer Erfahrung auch a priori ist. Alles, was wir sehen, könnte auch anders sein.
Alles, was wir überhaupt beschreiben können, könnte auch anders sein.
Es gibt keine Ordnung der Dinge a priori."
Wittgenstein vertrat damit eine realistische Ontologie und postulierte die Existenz einfacher Gegenstände, da Aussagen über die Welt nur durch Erfahrung möglich seinen, führe eine idealistische Position in den Solipsismus, der das Subjekt verabsolutiert. Damit kommt er zur Feststellung:
Das transzendentale Ich bildet die Grenze zur Welt und das empirische Ich ist ein Teil der Welt (TLP 1.1):
„Die Welt ist die Gesamtheit der Tatsachen […]“ - Ludwig Wittgenstein, Tractatus, 1.1
Im Tractatus beschreibt Wittgenstein das metaphysische Subjekt in Abgrenzung der Philosophie zur Psychologie und führt den Zusammenhang der Transzendenz und der Grenze zur Welt des Subjekts näher aus (TLP 5ff):
„Hier sieht man, dass der Solipsismus, streng durchgeführt, mit dem reinen Realismus zusammenfällt. Das Ich des Solipsismus schrumpft zum ausdehnungslosen Punkt zusammen, und es bleibt die ihm koordinierte Realität.“
„Es gibt also wirklich einen Sinn, in welchem in der Philosophie nicht-psychologisch vom Ich die Rede sein kann. Das Ich tritt in die Philosophie dadurch ein, daß die Welt meine Welt ist. Das philosophische Ich ist nicht der Mensch, nicht der menschliche Körper, oder die menschliche Seele, von der die Psychologie handelt, sondern das metaphysische Subjekt, die Grenze – nicht ein Teil der Welt.“
Subjektiv bewusste Entscheidungen: kognitive und expressive Aussagen
Wittgenstein verweist darauf, dass das Wort „Ich“ auf zweierlei Weise verwendet wird (Das blaue Buch, 1984):
Im Objektgebrauch wird das Wort wie ein außenstehender mit Bezug auf eine körperliche Eigenschaft verwendet und kann sich auch über eine Beobachtung irren.
Im Subjektgebrauch hingegen geht es nicht um das Erkennen einer Person, sondern um die Mitteilung eines unmittelbaren Wissens, über das man sich nicht irren kann, weil es dem Bewusstseinsinhalt entspricht. Das ist sogar dann der Fall, wenn der Gedanke, der dem Bewusstseinsinhalt entspricht, objektiv falsch ist (Wittgenstein:1984:106-107).
Der Bedeutungsunterschied liegt darin, dass die
objektive Verwendung kognitive Aussagen betrifft, für die es ein Wahrheitskriterium gibt, während die
subjektive Verwendung sich auf expressive Aussagen bezieht.(Tugendhat:1979:123)
Kognitive Aussagen können nur möglich sein, während expressive Sätze sich immer auf tatsächliche Sachverhalte beziehen. „Ich weiß, dass ich Schmerzen habe“ bedeutet stets „ich habe Schmerzen“. Der an den Phänomenen des Selbstbewusstseins forschenden Manfred Frank sieht die Frage "Bist du sicher, dass du es bist, der Schmerzen hat?" als unsinnig (Frank:1986:97). Für den Objektgebrauch von Ich sieht er es als logische Voraussetzung, dass sich die Kommunizierenden darauf geeinigt haben, dass ein jeder das Ich im Sinne des Subjektgebrauchs verwendet, um überhaupt in die Kommunikation eintreten zu können.
„Dein Körper“ kann man nur sagen, wenn man unterstellt, das der Andere eine Identität seines Körpers mit sich als Subjekt annimmt. - Manfred Frank
In seinem Ansatz der analytischen Philosophie nimmt Frank die philosophiehistorische und systemische Perspektive ein. Hier versucht er zu zeigen, dass sich Selbstbewusstsein grundsätzlich einer reduktiven Analyse entzieht. Frank beschreibt das Selbstbewusstsein nicht als psychischen Akt der Reflexion eines Bewusstseins auf sich selbst als Objekt, sondern als unmittelbare Vertrautheit mit dem psychischen Vorgang. Bildhaft beschreibt er das Phänomen des Selbstbewusstseins am Beispiel des Hörens:
Man muss das Phänomen des Hörens eines Tons von der Vorstellung über das Hören eines Tons unterscheiden. Die Vertrautheit mit sich selbst ist danach eine praereflexive, zeitlich identische Eigenschaft des Bewusstseins.
Frank kritisiert die moderne Neurophilosophie, die anstatt von einer einheitlichen, punktuellen Vorstellung des Bewusstseins auszugehen, das Bewusstsein als einen Raum beschreibt, in dem es besondere Sphären für das Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Erinnern gibt und in diesem Raum auch eine Ebene für die Reflexion und die Identität vorhanden ist. Die Neurophilosophie entgeht seiner Auffassung nach dem Zirkel, der aus der Vorstellung des Selbstbewusstseins als einer Reflexion des Bewusstseins auf sich selbst entsteht, da die Neurowissenschaften das zentrale Element einer Erklärung des Geistes sind, nicht die der restlichen Kognitionswissenschaften und schon gar nicht eine dualistische Metaphysik. Das Bewusstsein ist dann nicht mehr ein von sich selbst Verschiedenes. Man kann dann nicht mehr von einer Repräsentation des Bewusstseins im Bewusstsein reden, sondern Bewusstsein wird zu einem Prozess des Erlebens.
Im Streit zwischen der unterschiedlichen Ansätzen geht es letztlich um die Begriffe Willensfreiheit und Verantwortung, die im Entscheidungsprozess und der Handlungstheorien elementar sind, auch in er Sprachwissenschaft und der Diskursethik spielen sie eine zentrale Rolle. Kritiker werfen der Neurowissenschaft vor, ihre Erkenntnisse über neurophysiologische Grundlagen von Entscheidungsprozessen, machten einen Verzicht auf den Begriff der Willensfreiheit und eine Neuinterpretation der Idee der Verantwortung nötig.
Philosophen wie Bieri, Habermas und Tugendhat wandten gegen diese Thesen ein, dass die Begriffe der Willensfreiheit und Verantwortung keinesfalls die Unabhängigkeit von kausaler Determination voraussetzen. Andere Autoren bestreiten die kausale Determination des Willens und werfen Kritikern der Willensfreiheitstheorie Selbstwidersprüchlichkeit vor. Die Leugnung der Willensfreiheit sei inkohärent, da auch im Handeln und Argumentieren der Kritiker die Willensfreiheit bereits vorausgesetzt werden müsse.
Nachfolgend liegt der Fokus auf die systemische Betrachtung der unterschiedlichen Verhaltens- und Entscheidungs-Phänomene, da die Systemtheorie sämtliche Perspektiven der Philosophie, Soziologie und Kognitionsforschung einnimmt und alle wissenschaftlichen Erkenntnisse heranzieht. Menschen denken oft linear, so als gäbe es für jede Ursache genau eine Wirkung. Die Welt ist aber nichtlinear und schon kleine Veränderungen im System können enorme Folgen haben, oder sehr geringe bis gar keine, da Ursache und Wirkung oft zeitlich und räumlich getrennt sind.
Ein System besteht aus zusammenhängend organisierten Elementen oder Einzelteilen, die in einem Muster oder einer Struktur so miteinander verbunden sind, dass ein charakteristischer Satz von Verhaltensweisen entsteht, der oft als Funktion oder Zweck des Systems bezeichnet wird. Ein System kommuniziert über die Weitergabe von Informationen (wie Sprache, Zeichen, Botenstoffe,…), um die einzelnen Elemente im Sinne der Funktion oder des Zwecks arbeiten zu lassen.
In Systemen zu denken erfordert Geduld und die Bereitschaft, das eigene Denken zu hinterfragen. Systeme reagieren oft anders als erwartet, weil tiefere Strukturen wirken. Verhalten der Systeme, auch lebende (menschliche) „emergiert“ aus dem Ganzen, jedoch unterschiedlich stark an den oben beschriebenen Hebelpunkten, bzw. den Stellen im System, an denen beispielsweise kleine Veränderungen große Wirkung entfalten können. Die wirklich kraftvollen Hebelpunkte liegen jedoch oft tief und hängen mit Rückkopplungsschleifen zusammen, die das System regelt.
Systeme haben ausgleichende Schleifen, die stabilisieren, und verstärkende, die Entwicklungen beschleunigen. Wer sie erkennt, versteht, warum ein System (ob nun eine Organisation oder der einzelne Mensch) tut, was es tut. Es lässt Rückschlüsse aus dem Verhalten eines System ziehen und die Gründe nachvollziehen, warum ein Mensch entsprechend der Hebelpunkte anders handelt als er es bisher getan hat.
Was glaubst du wer du bist? (Denken kraft des Absurden)
„Der Glaube beginnt gerade da, wo das Denken aufhört“. Während das Denken nach objektiven Fakten und Beweisen sucht, beruht der Glaube für Kierkegaard auf einer inneren Erfahrung, einer persönlichen Beziehung zu etwas Höherem oder einer tiefen Überzeugung von etwas, das nicht unbedingt rational erklärbar ist.
Der Glaube ist eine andere Art von Wahrheit als die wissenschaftliche oder logische Wahrheit, ob nun theologisch, aus innerer Überzeugung oder Selbsttäuschung. In Bezug auf Religion bedeutet dies, dass der Glaube an Gott oder an religiöse Lehren nicht auf logischen Beweisen beruht, sondern auf einer persönlichen Entscheidung, die über das Denken hinausgeht. Es ist ein Sprung in die Gewissheit, dass etwas Wahres ist, auch wenn es nicht mit dem Verstand bewiesen werden kann.
„Es kam, wie es kommen musste“
Je nach Ernst der Situation bzw. Höhe des Stresslevel, persönlicher emotionaler Überforderung oder kognitiver Dissonanzen, neigen einige Menschen dazu ihr Handeln als göttliche Fügung oder Bestimmung, Schicksal oder Karma wahrzunehmen und zu rechtfertigen. Warum Abraham bereit war seinen Sohn zu opfern (Die Opferung Isaaks), darüber denken viele bei ihren „vorbestimmten“ oder „anspruchsberechtigten“ Entscheidungen bzw. Erwartungen an das Universum nicht nach und setzen zum tödlichen Dolchstoß an, der ihr Leben und das anderer gravierend verändert. „Es kam, wie es kommen musste“, wird hier ohne weitere Begründung als gegeben hingenommen.
Das ist nicht rational, das ist nicht berechenbar, das ist glauben kraft des Absurden, das ist wider die Vernunft wie bei Piagets magischen Denken bei Kleinkindern und gleicht dem Glauben an Wunder. Dieses Verhalten und die Haltung zu Entscheidungen ist nicht nur unprofessionell, sie ist widersprüchlich und paradox; es stellt ein Wagnis dar, bei dem unter Umständen mehr geopfert als gewonnen wird - diese Sichtweise entspricht im wesentlichen Sinne der ökonomischen Auffassung zur Entscheidungsfindung und Handlungstheorien.
Dennoch, Erwachsene - ob privat oder geschäftlich - glauben an das Göttliche. Wahrhaftig Gläubige zweifeln auch und können sich ihres Verstandes bedienen, ihr Glück und Leid finden sie jedoch in Gott selbst, in sich und bei sich. In der Religion lehrt uns der Schöpfer, dass der Sinn des menschlichen Lebens es ist, dass der Mensch Erkenntnis über seinen Herrn erlangt, sich seine schönen Eigenschaften zu eigen macht und so sich völlig in ihm verliert. Sie haben dahingehend keine Erwartungen am Leben selbst, sie folgen religiösen Geboten, um fromm und frei von Schuld und Sühne zu leben - das Leben hier ist ein Geschenk und Herausforderung eine Prüfung, es ist ein transzendenter Prozess bis zur Erlösung. Religionen werden so zu nützlichen „Welterklärungs-Modellen" in Konkurrenz zu Wissenschaft und Philosophie.
Im beruflichen Umfeld auf Mikro-und Meso-Ebene, haben solche unsachlichen Entscheidungen nichts verloren. Im privaten beraubt sich diese Haltung der Offenheit, andere Wahrheiten zu akzeptieren und erschwert im Diskurs einen Konsens zu finden. Zudem ist sie nach der Affektlogik Nährboden für religiösen Extremismus und Fanatismus aufgrund der Parallelen zu gelebten Ideologien. Auch auf Makroebene beweist bspw. das Projekt des Weltethos die Herausforderung der Konsensfindung in der Kommunikation nach einer Diskursethik unter unterschiedlichen Religions- und Glaubensvertretern und generell bei der Konsensfindung unter gegensätzlichen Interessenvertretern (vgl. Küng: Weltethos-Dialog, Habermas/Apel: Diskursethik, Benhabibi: Hermeneutischer Diskurs, Wimmer: Polylog). Mehr dazu in diesem Beitrag hier.
Konstruktion des menschlichen Geistes
Es liegt nicht nur an der Wahrnehmung der Umwelt, Wirklichkeit ist auch eine Konstruktion des menschlichen Geistes. Dabei spielen Sprache, die soziale Interaktionen und die kulturellen Einflüsse bei der Konstruktion von Erfahrungen und des Verständnisses von Realität eine Rolle. Demnach ist deine und meine Wahrnehmung der Welt subjektiv und kontextabhängig - es gibt keine absolute oder objektive Realität, die unabhängig von unserem Bewusstsein existiert. Wirklich ist, wir leben in verschiedenen (kulturellen und sozialen) Welten und sind anfällig für verschiedene kognitive Verzerrungen, die unsere Wahrnehmung und Interpretation der Realität beeinflussen. Solche Verzerrungen sind:
Bestätigungsfehler: Tendenz, Informationen zu bevorzugen, die unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen
selektive Aufmerksamkeit: Tendenz, auf bestimmte Informationen zu achten und andere zu ignorieren und
kognitive Dissonanz: Unbehagen aufgrund von Inkonsistenzen zw. unseren Überzeugungen und unserem Verhalten
Unsere individuelle Wahrnehmung, deine und meine Realität beruht demnach auf verschiedenen Grundlagen, wie etwa Erfahrungen, Emotionen oder Informationen, die man von anderen erhält. Sie können wahr oder falsch sein und müssen nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen.
Unsere Überzeugung kann auch von anderen Überzeugungen beeinflusst werden und kann sich im Laufe der Zeit ändern. Wer nicht bewusst denkt, ändert seine Einstellung unterbewusst. Der Mensch verändert sich ohne Reflexion manipulativ durch die Wirkung von außen (Einfluss) oder durch innere Kräfte, da wir Menschen, wenn wir uns nicht gerade aus psychologischen Gründen destruktiv gegen uns selbst gerichtet handeln (Selbst-Sabotage), dürftig nach Gleichgewicht sind. Unser Kopf sucht nach Konsonanz; wie bei dissonanten Schallwellen stellen wir ein Schwingungsverhältnis her, aus Wellen, die miteinander klingen (Dissonanzausgleich). Das reicht von der „inneren Ausrede“ bis zum Selbstbetrug. Wir erschaffen uns eine Lebenslüge, im Einklang mit unserer momentanen Umwelt, der Gesellschaft, dem Milieu, in dem wir uns gerade bewegen und in Resonanz gehen. Je mehr Gemeinsamkeiten und Schnittmengen zwischen den Systemen bestehen (Common Ground, Common Sense), desto stärker ist der Einfluss aufeinander in der Wechselbeziehung bzw. Rückkoppelung (Luhmann: Strukturelle Koppelung). Mehr dazu in diesem Beitrag hier.
Lebendes System Mensch (Autopoiesis)
Der Konstruktivismus geht davon aus, dass Wissen und Wahrnehmung kognitive Konstrukte sind. Demnach kann es keine objektive Wirklichkeit, also keine allgemeingültige Struktur der Wirklichkeit bzw. der Welt geben. Der Mensch selbst, als lebendes System, erzeugt durch seine kognitiven Leistungen seine eigene Welt und Wirklichkeit in der er lebt. Der Konstruktivismus kann somit als Erkenntnistheorie für kognitive Systeme bezeichnet werden, darin ist die Welt, wie wir sie sehen, unsere Erfahrungswirklichkeit (Schmidt 1992, S. 18).
Das kognitive System als empirischer Ort erzeugt dabei die Sinn- bzw. Wissensproduktion der Individuen, es sollte jedoch berücksichtigt werden, dass die Sinn- und Wissensproduktion für das Individuum nur durch die stammesgeschichtliche und die soziokulturelle Prägung kognitiver Operationen und deren ständigen Rückbezug auf kollektives Wissen möglich ist (Schmidt 1996/2002, S. 43). Die grundlegenden Fragen des Konstruktivismus lautet:
ist die Welt tatsächlich so, wie sie von den Individuen wahrgenommen wird.
Ist sie ein wirkliches Abbild, oder
schaffen sich die Individuen stets ihre eigene Welt und konstruieren ihre Wirklichkeit immer wieder neu.
Diese zentrale Implikation zieht eine Vielzahl von weiteren Fragen nach sich. Vor allem ist die Frage nach der Wahrnehmung von großem Interesse,
wie ist sie strukturiert,
wie gestaltet sich der Prozess der Wahrnehmung und
wie sich die Wechselbeziehung zwischen Umwelt und Subjekt
Des Weiteren stellt sich die Frage,
wie vollzieht sich der Prozess einer Wirklichkeitsproduktion?
Ist sie eine subjektbezogene, individuelle Konstruktion oder das Produkt einer Interaktion von Menschen mit einer kulturellen Prägung, die eine gemeinsame Wirklichkeit konstruieren?
Der Konstruktivismus entstand als Kognitionstheorie in der Biologie (Humberto Maturana), Kybernetik (Ernst von Glaserfeld) und Entwicklungspsychologie (Jean Piaget). Die Theorien des Konstruktivismus entwickelte sich also aus verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Dementsprechend schwierig gestaltet sich eine exakte Darstellung der konstruktivistischen Ansätzen, denn sie ist von verschiedensten Einflüssen unterschiedlichster Disziplinen durchzogen. Gemeinsam haben sie eine erkenntnistheoretische Position, sie lassen sich jeoch in verschiedene Formen unterteilen. Zu den wichtigsten gehören der kognitive Konstruktivismus, der soziale Konstruktivismus und der radikale Konstruktivismus. Neben diesen Hauptformen gibt es auch den interaktionistischen Konstruktivismus und den Erlanger Konstruktivismus.
Da der Konstruktivismus nicht als spezifische Objekttheorie (bspw. Lerntheorie, Sozialisationstheorie) bezeichnet werden kann, ist er vielmehr eine Metatheorie, die auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene Erkenntnisse entwickelt.
Als Metatheorie nimmt der Konstruktivismus auf die Theoriebildung der Wissenschaft insoweit Einfluss, als dass er durch Aussagen, die er über Wahrnehmung, Kommunikation, Wirklichkeit, trifft, die Möglichkeiten und Grenzen dieser Theoriebildung aufzeigen kann. Um die Grenzen zu “überwinden” oder zu "erweitern" sind in diesem Artikel neben anderen philosophischen Denkrichtungen, Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft (Hirnforschung) und Kognitionsforschung und neuen Erkenntnissen der Entwicklungsbiologie und eben der Affektlogik mit eingeflossen, die auch eine ökonomische Perspektive erlauben. Beispielsweise widerspricht die Hirnforschung der konstruktivistischen Auffassung, der Mensch wäre Umweltreizen nicht ausgesetzt. Es besteht nach jüngsten Erkenntnissen sehr wohl eine direkte Verbindung zur Außenwelt und und die reale Wirklichkeit wäre Gegenstand der Wahrnehmung durch unsere Sinnesorgane. Das autopoietische System wäre somit nicht in sich geschlossen.
Resonanz in der Systemtheorie
Die Resonanz als Schlüsselbegriff, hat in der Systemtheorie für die metatheoretischen Überlegungen zu Veränderung einen festen Bezugspunkt. Er umfasst die Überlegungen, wie Systeme sich aufgrund ihrer inneren Prozesse sensibel oder unempfindlich für Umweltreize machen. Wodurch ein System sich irritieren lässt, also mit Resonanz antwortet, ist höchst unterschiedlich:
Psychische Systeme reagieren auf Wahrnehmung und Kommunikation.
Soziale Systeme auf spezielle Kommunikationsangebote.
Das Wirtschaftssystem ist sensibel für Zahlungsvorgänge, aber nicht für Krankheiten.
Das Gesundheitssystem reagiert auf Krankheiten.
die Wissenschaft reagiert auf Wahrheitsanspruch.
Im Hinblick auf Veränderung ist damit die Berücksichtigung der Resonanzbereitschaft des Systems, auf das Einfluss ausgeübt werden soll, eine der wichtigsten Analysenotwendigkeiten. Denn:
Je geringer die Resonanzfähigkeit, desto unflexibler ist das System und desto weniger Antwortfähigkeit auf die Umwelt hat es.
Resonieren können alle Systeme, also Personen, Teams, Organisationen und Funktionssysteme. Resonanz gibt aber auch – einmal mehr – den Hinweis darauf, dass man von außen (als Berater, Manager, Partner) die Auswirkungen seiner Interventionen (=Irritationen) im System (Klient, Organisation, Team, Partnerschaft, Beziehung, etc.) nie kontrollieren oder auch nur vorhersehen kann. Was das System mit der Irritation macht, entscheidet nach Maßgabe seiner Resonanz das System.
Programm des Fühlsystems und Denksystems
Die integrative Theorie der Affektlogik, geht davon aus, dass Fühlen, Denken und Verhalten allgegenwärtig, in allen psychischen Leistungen, zusammenspielen. In dem Konzept von Luc Ciompi (1982) werden sowohl Affekte wie auch Kognition (Denken) und Logik in einem weiten Sinn systemisch verstanden, zugleich aber definitorisch voneinander scharf abgegrenzt, um ihre gegenseitigen Beziehungen und Interaktionen erklären zu können.
Konzipiert wurde sie als Basistheorie zu den Gesetzmäßigkeiten des Zusammenwirkens von Emotion, Kognition und Aktion, in der eine Reihe von grundlegenden Zusammenhängen formuliert sind, die bisher vielfach in der Wissenschaft vernachlässigt wurden. Den übergeordneten Rahmen liefert die allgemeine Systemtheorie mit Einschluss der Theorie der nichtlinearen Dynamik komplexer Systeme (Chaostheorie, dynamical systems theory).
Nach Ciompis Konzept besteht die Psyche aus zwei untrennbar verbundenen komplementären Funktionseinheiten:
einem qualifizierenden Emotionssystem und
einem quantifizierenden Kognitionssystem.
Bewusste oder unbewusste affektive Faktoren beeinflussen das Denken selbst noch in der wissenschaftlichen Logik. Zahlreiche Befunde aus verschiedenen Forschungsgebieten stützen dieses integrative psycho-sozio-biologische Modell. Fühlen und Denken, Emotion und Kognition, Affekte und Logik sind in der wissenschaftlichen Psychologie und Soziologie bisher vorwiegend isoliert, kaum aber in ihrem regelhaften Zusammenwirken untersucht worden. In der psychischen Wirklichkeit dagegen sind sie immer untrennbar miteinander verknüpft.
Die Affektlogik beruht auf der ökonomischen Annahme, dass die ganze Komplexität psychischer Strukturen und Prozesse aus dem Wechselspiel von nur zwei grundlegenden und in ihrer Wirkung komplementären Funktionseinheiten erwächst:
einem qualifizierenden Fühlsystem, das mit einer kleinen Zahl von affektiven Grundzuständen operiert (wie sie zumindest allen höheren Tieren gemeinsam sind) und
einem quantifizierend-abstrahierenden Denksystem, das sich im Laufe der Evolution bis zum heutigen Menschen enorm verfeinert hat.
Durch die meist repetitive (wiederholende) Aktion, das heißt im weitesten Sinne die gesamte erlebte Erfahrung, verbinden sich beide zu funktionell integrierten affektiv-kognitiven Bezugssystemen oder Fühl-, Denk- und Handlungsprogrammen. In ihrer Kombination bilden diese ein hochdifferenziertes Gesamtsystem zur Bewältigung der begegnenden Wirklichkeit.
Theorie des Gefühlschaos: "Hin zu" oder "Weg von"
In der wissenschaftlichen Literatur sind überlappende Begriffe wie Affekt, Emotion, Gefühl oder Stimmung uneinheitlich definiert. Affekt bzw. Affektivität wird je nach Auffassung als gefühlsartige Erscheinungen aller Art oder als ganz bestimmte subjektive Erlebnisweisen verstanden.
Im Rahmen der Affektlogik dient der Begriff Affekt als Oberbegriff (für gefühlsartige Erscheinungen aller Art), die im Alltag wechselnd bald als Affekt, Emotion, Gefühl, Stimmung, Befindlichkeit, Gestimmtheit und anderes mehr bezeichnet werden. Ein Affekt im Sinne Ciompis ist jedoch ein umfassender psycho-physischer Zustand von unterschiedlicher Dauer, Intensität, Qualität und Bewusstseinsnähe. Die wechselnden Affekt-Bezeichnungen werden in der Affektlogik als umfassende qualitative Gestimmtheiten physiologisch und psychologisch definiert, deren Dauer von
wenigen Sekunden bis zu vielen Stunden (Emotionen im Sinne der Physiologie) bis
Tagen und Wochen (Stimmungen im Sinne der Psychologie) reichen kann.
Ihr gemeinsamer Nenner ist, dass es sich dabei immer um ganzheitliche, psychosomatische (psychische, zentralnervöse wie peripher körperliche) Phänomene handelt, deren vegetative Begleiterscheinungen hormonal vermittelt werden.
Diese Affekte bzw. Gefühle wie Wut, Freude, Ärger, Trauer und Angst finden also keineswegs bloß im Kopf statt, sondern sie fahren einem Menschen sprichwörtlich in den Bauch, rauben ihm den Atem, lassen das Herz der Person höherschlagen, laufen ihr den Rücken herunter und lassen ihr die Haare sträuben. Die Veränderungen sind über Puls, Blutdruck und Atmung, Muskelspannung, elektrischem Hautwiderstand und Hautdurchblutung spürbar und objektiv messbar.
ein umfassender psycho-physischer Zustand von unterschiedlicher Dauer, Intensität, Qualität und Bewusstseinsnähe.
Gefühle oder Affekte müssen in diesem Sinne nicht unbedingt bewusst erlebt werden. Sie bewegen sich, vereinfacht gesehen, zwischen einem positiven und einem negativen Pol (nach Freud zwischen Lust und Unlust) und umfassen – vermutlich als Mischung und Abwandlung einiger weniger Grundgefühle – den ganzen Reichtum aller erdenklichen Gefühlsschattierungen. Sprich der Affekt ist durch bestimmte expressive, subjektive, körperliche und neurobiologische Phänomene charakterisiert und entspricht einem spezifischen bio-energetischen Zustand, bzw. einem gerichteten Energieverbrauchsmuster, meist mit der Tendenz eines „Hin zu“ oder „Weg von“.
Zu den Grundaffekten bzw. Grundgefühlen, die vorwiegend angeboren, jedoch kulturell moduliert sind, zählen:
Neugier/Interesse, Angst, Wut, Freude und Trauer.
Diese Grundgefühle (Affekte) sind zudem evolutionär an lebenswichtigen Verhaltensweisen gekoppelt wie:
Erforschung der Umgebung, Flucht, Kampf, Nahrungsaufnahme, Sozialisierung, Sexualität, Bewältigung von Verlusten usw.
Sie dienen der sinnvollen schnellen Anpassung von Psyche und Körper an wechselnde Umweltsituationen. Auch Entspannung, Gelassenheit oder Gleichgültigkeit sind Affekte im definierten Sinn, mit unterschiedlichen Wirkungen auf Denken und Verhalten. Man ist, so gesehen, immer in einem bestimmten Affektzustand, und affektiv-kognitive Wechselwirkungen sind somit allgegenwärtig.
Der Begriff der Kognition dient in der Affektlogik ebenfalls als Sammelbegriff für eine Reihe von Einzelfunktionen, darunter insbesondere
Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis kombinatorisches Denken und Entscheiden.
Kognition in diesem Sinn ist die Fähigkeit, sensorische Unterschiede zu erfassen und mental weiter zu verarbeiten, um Beziehungen zwischen solchen Unterschieden (und Unterschieden von Unterschieden) herzustellen. Beispielsweise:
den Unterschied zwischen weiß und schwarz, warm und kalt, gefährlich oder harmlos.
Unter Denken, also den kognitiv-intellektuellen Funktionen, ist im Gegensatz zum Affekt der quantifizierende, analysierende Umgang mit
Größenverhältnissen, Zeiten, Distanzen, Winkeln und anderen Beziehungen zwischen kognitiven Elementen zu verstehen.
Und zwar von einzelnen Wahrnehmungen, bis zu umfassenden abstrakten Begriffen. Kognition ist somit die Informationsverarbeitung von sensorischen Reizen bis zur Etablierung derartiger Beziehungen. Aus der Art der Selektion und Verknüpfung kognitiver Elemente entsteht eine ganz bestimmte Logik.
Bausteine der Psyche: Logik des Bewusstseins
Ähnliche Informationsverarbeitungsleistungen erbringt auch ein Computer.
Unter Logik ist im Rahmen der Affektlogik nicht nur die formale (aristotelische) Logik, sondern ebenfalls die sogenannte Alltagslogik mit Einschluss von verschiedenen Varianten von affektspezifischer Logik zu verstehen, zum Beispiel eine
„Logik der Angst“, „Logik der Wut“, „Logik der Liebe“, „Logik des Friedens“, „Logik des Kriegs“.
Logik in diesem Sinn ist definiert als die Art und Weise, wie einzelne kognitive Elemente zu einem umfassenden Ganzen, einem Denkgebäude, zum Beispiel einer bestimmten Theorie, Weltsicht, Mentalität oder Ideologie verbunden werden. An einem einfachen Beispiel verdeutlicht:
Planst du eine Reise in eine bestimmte Stadt, so ist das typisch Kognitive daran etwa dein Wissen von deren geographischer Lage, von Entfernungen, Verkehrsverbindungen und Zeiten, die Kenntnis des Stadtplans und der Lage deiner Unterkunft. Das Affektive dagegen sind sämtliche aufgrund früherer Erfahrungen oder anderweitiger Informationen mit diesen kognitiven Elementen bewusst oder unbewusst verbundenen positiven oder negativen Gefühle beziehungsweise affektiven Wertungen. Sie färben und bestimmen dein ganzes Denken und Handeln – deine Logik – dieser Stadt gegenüber in entscheidender Weise und sind bei positiver Einstellung dafür verantwortlich, dass du überhaupt für diese Reise motiviert bist, dass du deine Aufmerksamkeit genügend lange und intensiv darauf einstellst und dass du dich – vielleicht über Monate hin – auch entsprechend verhältst und organisierst.
Das Beispiel illustriert zugleich, dass sich komplementäre affektive und kognitive Elemente zu funktionell integrierten Bezugssystemen verbinden, zu sogenannten Fühl-, Denk- und Verhaltensprogrammen. Bildhaft können hierbei
die kognitiven Elemente mit den zeichnerischen Strukturen eines Gemäldes oder besser noch eines bewegten Films vergleichen werden,
die Affekte dagegen mit dessen Farben, bzw. (Farb-)Qualitäten die gemäß der Affektlogik sämtlichen kognitiven Inhalten zugeordnet sind.
Diese Inhalte reichen von den elementarsten Wahrnehmungen (etwa eines einfachen Gegenstandes) bis zu den komplexesten intellektuellen Begriffen und Theorien, insbesondere auch allen Wert- und Normensystemen, politische und religiöse Ideologien nicht ausgenommen.
Die Bewegtheit ist auf das zeitliche und gleichzeitig strukturelle Moment übertragbar: Affekte dauern Minuten, Stunden oder gar Tage, während gedankliche Inhalte binnen Sekunden wechseln können. Insofern erscheint das Gefühl zumeist als eine relativ langsame, tragende Grundschwingung oder Invarianz, auf welche die raschen, präziseren Gedanken dann sozusagen als Varianz aufmoduliert sind.
In der Psychologie bedeutet Invarianz, dass eine bestimmte Eigenschaft oder ein bestimmtes Merkmal unter bestimmten Bedingungen oder Transformationen gleich bleibt. Ein Beispiel für Invarianz ist die Messinvarianz in der psychologischen Forschung, wo sichergestellt werden soll, dass ein Test in verschiedenen Gruppen oder unter verschiedenen Bedingungen dasselbe misst. Inversionsinvarianz bedeutet in dem Zusammenhang, dass ein Bild, das um 180 Grad gedreht wird, von einem Betrachter immer noch als dasselbe Bild erkannt wird. Messinvarianz in einem Test bedeutet, dass die Items des Tests in verschiedenen Gruppen in derselben Weise mit dem Konstrukt verknüpft sind.
Wesentlich seltener können allerdings auch die Gefühle ein und demselben kognitiven Inhalt – etwa einem Ort oder einer Person – gegenüber plötzlich umschlagen. Man sieht das Objekt dann in einem ganz anderen Licht.
Gefühle sind Energien.
Aus der Kombination von bestimmten Invarianzen mit bestimmten Varianzen ergeben sich, allgemein gesprochen, typische Strukturen jeder Art.
Aus der Kombination von bestimmten Emotionen mit bestimmten Kognitionen erwächst somit potenziell die ganze Vielfalt innerpsychischer Strukturen, mit denen wir die ihrerseits strukturierte äußere Welt erfassen und bewältigen. Mit anderen Worten: Gleichzeitig erlebte Affekte, Kognitionen und Verhaltensweisen werden im Gedächtnis miteinander verbunden und durch Wiederholungen zunehmend stabilisiert. Diese Verknüpfungen speichern wesentliche Erfahrungen, die in ähnlichen Situationen immer wieder aktiviert werden, das heißt gewissermaßen als Matrix oder „Programm“ für künftiges Fühlen, Denken und Verhalten („FDV-Programme“) funktionieren:
Umfassendere FDV-Programme können durch einzelne ihrer Komponenten reaktiviert werden, zum Beispiel durch einen bestimmten Geruch, ein Gefühl oder eine Wahrnehmung.
Gewisse solche FDV-Programme sind angeboren, die meisten aber durch Erfahrung erworben und zum Teil auch modifiziert, bspw. gewisse Angst- oder Schreckreaktionen.
Funktionell integrierte FDV-Programme von unterschiedlicher Komplexität sind nach der Affektlogik die eigentlichen „Bausteine der Psyche“.
Gefühle sind Energien. Somit sind affektive Energien, die durch Widersprüche und Konflikte freigemacht werden, nach dem Postulat der Affektlogik der zentrale Motor aller Psycho- und Soziodynamik. Die energetische Dimension der Affekte erklärt zudem plötzliche sprunghafte Veränderungen des Denkens und Verhaltens wie etwa den Umschlag von einer vorwiegenden Logik der Liebe zu einer Logik des Hasses, vom normalen zum psychotischen Denken, von einer "Logik des Friedens" in eine "Logik des Kriegs": Wie insbesondere in der Synergetik von Hermann Haken allgemein gültig nachgewiesen wurde, kommt es in dynamischen Funktionssystemen jeder Art zwingend zu einem plötzlichen umfassenden Funktionswandel (einer sogenannten Bifurkation), wenn der energetische Spannungspegel einen kritischen Wert überschreitet.
Nach der Hypothese der Affektlogik wirkt der emotionale Spannungspegel in psychischen und sozialen Systemen analog: Er funktioniert als so genannter Kontrollparameter, von dem der Moment des Umschlags abhängt. Vorher randständige Ideen dagegen werden dabei oft zum Kristallisationskern (oder Ordnungsparameter), um den sich das Denken und Verhalten neu ordnet (Beispiele: "fixe Idee", Liebes- oder Verfolgungswahn).
Entgegen der gängigen Meinung sind emotionale Einflüsse auch an allem rationalen und wissenschaftlich-mathematischen Denken beteiligt. Emotional positiv gefärbte Einzelelemente einer wissenschaftlichen Theorie werden durch die Schalt- und Filterwirkungen von positiven Gefühlen ganz ähnlich zu einem positiven Ganzen verbunden wie die Bausteine von andern umfassenden "Gedankengebäuden" (z.B. Ideologien, Weltbildern, Religionen usw.).
Da stimmige Lösungen mit Gefühlen der lustvollen Entspannung (sog. Heureka-Gefühlen), Widersprüche dagegen mit Unlustgefühlen einhergehen, werden Unstimmigkeiten bevorzugt ausgeschlossen, bagatellisiert oder ignoriert. Aufgrund dieser Mechanismen bahnen positive und negative Gefühle richtiggehend den Weg zu stimmigen, das heißt emotional entspannenden und affektenergetisch ökonomischen Lösungen. Ähnliche Mechanismen spielen ebenfalls beim Phänomen der Kreativität, der Intuition und des Humors eine wichtige Rolle.
chaotische Attraktoren, die die Wahrnehmung und das Denken in ihren Bann ziehen.
Zusammenfassend lässt sich über die Affektlogik festhalten, dass sich Affekte und Kognitionen in allen psychischen Leistungen wechselseitig beeinflussen: Bestimmte Wahrnehmungen oder Gedanken lösen bestimmte Gefühle aus, deren Schalt- und Filterwirkungen ihrerseits die kognitiven Funktionen selektiv verändern. Dies gilt vor allem der Aufmerksamkeit, dem Gedächtnis, das kombinatorische Denken und Entscheiden. Affekte wirken auf Tempo, Form und Inhalt des Denkens und beeinflussen laufend, was wir bevorzugt wahrnehmen, beachten, speichern, erinnern oder vergessen, und schließlich zu einem größeren „Denkgebäude“ (bzw. zu einer Logik im definierten Sinn) zu einer (neuen) Realität zusammenbauen.
Dabei werden kognitive Elemente mit ähnlicher affektiver Färbung (zum Beispiel alle positiven bzw. negativen Aspekte einer bestimmten Person, einer Stadt oder eines Landes) bevorzugt miteinander verbunden, während gegenläufige Aspekte bevorzugt ausgeklammert („verdrängt“) werden. Ähnliche Affektfärbungen wirken insofern wie ein Leim oder Bindegewebe auf kognitive Elemente. In seiner „fraktalen Affektlogik“ (1997) greift Luc Ciompi chaostheoretische Überlegungen auf: Er versteht affektive Stimmungen als chaotische Attraktoren, die die Wahrnehmung und das Denken in ihren Bann ziehen. Der Mensch kann nicht nicht affektiv gestimmt sein – mit dieser Annahme erweitert er das Axiom von Paul Watzlawick, dass der Mensch nicht nicht kommunizieren kann und bezieht die Affekte in die zwischenmenschliche Kommunikation ein.
Affektlogik
Ziel der Affektlogik ist es, das in vielen Bereichen der Wissenschaft (wie Neurobiologie, Emotionspsychologie, Psychonalayse, Psychiatrie, Soziologie, Evolutionswissenschaft) verstreute Einzelwissen zu den Wechselwirkungen zwischen Fühlen, Denken und Verhalten zu einem sinnvollen Gesamtkonzept von praktischer wie theoretischer Relevanz zu integrieren.
Es wird nicht nur ein umfassendes Zusammenwirken von Fühlen und Denken beschrieben, sondern auch die psycho-sozio-biologische Theorien zu einem sinnvollen Gesamtkonzept von praktischem und theoretischem Nutzen verknüpft. Die Theorie der Affektlogik stellt eine Synthese von modernen neurobiologischen, psychologischen, psychoanalytischen, soziodynamischen und evolutionstheoretischen Erkenntnissen aus systemtheoretischer Perspektive dar, die sich als allgemeingültig erwiesen und zu einer Meta-Theorie von affektiv-kognitiven Wechselwirkungen aller Art entwickelt hat.
Aus dem Konzept der Affektlogik von Luc Ciompi ergeben sich vielfältige Anwendungsmöglichkeiten in allen Gebieten von Alltag und Wissenschaft, in denen affektiv-kognitive Wechselwirkungen von Bedeutung sind, so insbesondere in der Psychologie, Psychotherapie und Psychiatrie, in der Soziologie, Pädagogik, Sozialen Arbeit, in Verkauf, Werbung und Politik.
Zeig mir deine Freunde und ich sag dir, wer du bist
Die meisten kennen die Lebensweisheit „Sag mir, wer dein Freund ist, und ich sage dir, wer du bist“ aus der Perspektive des Strebens nach Zugehörigkeit. Als Gegentendenz kann das Zitat von Malcolm Forbes gewählt werden „Ohne Ausnahme jeder möchte eine Ausnahme sein“, die das Streben nach Individualität schildert.
Beide Tendenzen wurden wissenschaftlich betrachtet und anhand psychologischer Theorien und empirischen Befunden analysiert. Es wurden positive und negative Konsequenzen beider Tendenzen identifiziert und Implikationen für die Gesellschaft aus der Perspektive von Sozial-, Arbeits- und Wirtschaftspsychologie diskutiert. Es besteht kein Zweifel daran, die Umwelt prägt den Charakter des Menschen; und es heißt, unter Druck zeigt sich die (wahre) Persönlichkeit. Das ist nur insofern wahr, das letztendlich die Reaktion einer Person unter Druck ein wichtiger Indikator für ihren Charakter und ihre Fähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens umzugehen. Er spiegelt jedoch nicht die Persönlichkeit wider, die ohne chaotische Attraktoren eine andere ist. Hier sind einige Aspekte, die durch Druck ans Licht kommen können:
Integrität: Zeigt sich darin, ob eine Person auch unter Stress an ihren Prinzipien und Werten festhält oder ob sie dazu neigt, diese zu opfern, um kurzfristige Ziele zu erreichen.
Verantwortungsbewusstsein: Druck kann offenbaren, wie eine Person mit Verantwortung umgeht, ob sie bereit ist, Fehler einzugestehen und aus ihnen zu lernen, oder ob sie versucht, die Schuld auf andere abzuwälzen.
Resilienz: Druck kann zeigen, wie widerstandsfähig eine Person gegenüber Widrigkeiten ist, ob sie in der Lage ist, sich von Rückschlägen zu erholen und weiterzumachen.
Empathie und Mitgefühl: In stressigen Situationen kann es sich zeigen, ob eine Person in der Lage ist, die Bedürfnisse und Emotionen anderer zu berücksichtigen oder ob sie nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist.
Umgang mit Emotionen: Druck kann aufzeigen, wie eine Person mit negativen Emotionen wie Angst, Wut oder Frustration umgeht, ob sie diese kontrollieren kann oder ob sie von ihren Emotionen überwältigt wird.
Wissenschaftliche Beweise gibt es aus der Machtforschung, bzw. wie die verliehene Macht und Autorität den Menschen verändern kann.
"Sage mir, mit wem du umgehst, so sage ich dir, wer du bist; weiß ich, womit du dich beschäftigst, so weiß ich, was aus dir werden kann". - Johann Wolfgang von Goethe Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1821; erweitert 1829. 2. Buch, 11. Kap.
Status und Macht korrumpiert das Wertesystem
Dass Macht korrumpiert, wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Experimenten nachgewiesen. "Gib einem Menschen Macht, und du erkennst seinen wahren Charakter“ lautete der Leitspruch Abraham Lincolns in seiner politischen Karriere. Natürlich stellt sich die Frage, ob Macht nur offenlegt, was vorher schon in der Persönlichkeit und im Charakter angelegt war.
Werden Menschen mächtiger, sind es vor allem drei Änderungen im Verhalten, die die Macht hervorruft:
Egozentrik: Menschen mit Macht fokussieren sich mehr auf die Befriedigung eigener Bedürfnisse.
Egoismus: Mächtige kümmern sich zunehmend weniger um die Bedürfnisse ihrer Untergebenen.
Eigenmächtigkeit: Sie halten sich selbst weniger an die Regeln, deren Einhaltung sie von allen anderen aber weiterhin erwarten.
„Willst du den wahren Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht.“ - Abraham Lincoln
Wird einer Person in einer Gruppe oder Organisation Autorität und Macht verliehen, weil diese Person von der Gruppe oder innerhalb der Organisation als überlegen wahrgenommen wird (beispielsweise durch Wissen oder Leistung) kann es bei dieser Person zu einer Irritation führen, die sich dann selbst infrage stellt, in Bezug auf die eigene Identität und dem Selbstwert.
In der Machtstellung wird das bisherige Selbstbild mit samt dem Wertesystem überprüft und verändert. Laut Studien verleihen Menschen jenen Personen Autorität, die sie gut leiden können, ohne diese als überlegen zu empfinden, also ohne Gründe die an Wissen, Erfahrung oder Leistung geknüpft sind - es geschieht paradoxerweise aus reiner Sympathie. Zuerst sind es positive Charakterzüge, die Menschen Autorität, Status und Macht verleihen. Sind sie aber mächtig, verändert die Machtposition ihre Persönlichkeit und fördert dunkle Charaktereigenschaften hervor. Mit steigender Autorität und mehr Einfluss sinken bei der Person die Empathie und Moral - sie können dann einem Machtmissbrauch nur selten widerstehen. Gleichzeitig kann das Umfeld zusehen, wie sie ihre Sympathie verspielen. Zu diesem Macht-Paradoxon passt auch die Aussage „unter den Blinden ist der Einäugige König“. Mit Macht ausgestattet zu werden, kann sehr nüchterne Gründe haben.
„unter den Blinden ist der Einäugige König“
Das Sprichwort zur Einäugigkeit bedeutet, dass selbst eine Person mit eingeschränkten Fähigkeiten oder Möglichkeiten in einer Gruppe von Menschen, die noch weniger können, als etwas Besonderes oder sogar als Anführer angesehen wird, weil sie im Vergleich zu den anderen noch etwas mehr hat. Es beschreibt die Situation, in der etwas Mittelmäßiges oder weniger Gutes im Vergleich zu noch Schlechterem als gut oder sogar als das Beste erscheint.
Macht, auch wenn sie nur verliehen ist, hat die Eigenschaft, Menschen zu verändern, wie auch der Ikarus-Effekt zeigt (Miller, 1990). Der erste schnelle Erfolg macht Menschen blind, teils regelrecht trunken. Sie machen unreflektiert weiter wie bisher – obwohl Nachfrage oder Anforderungen längst andere sind. Sie leiden unter Realitätsverlust und -Verzerrung (kognitive Dissonanz), fliegen dabei in ihrer „Erfolgsserie“ über sich hinaus, wobei die Glückssträhne ihre Sinne vernebelt.
Betroffene einäugige Könige und Königinnen sehen nur noch ihren Erfolg unter Blinden, baden sich darin – und in dem Idealbild, sie könnten den Erfolg ewig fortsetzen. Diese Erfolgs- und Machttrunkenheit verleitet blinde Menschen zu falschen Entscheidungen, weil die persönliche Überzeugung der Wahrheit überhandgenommen hat.
Auch wenn der Erfolg verdient ist, also aufgrund starker Qualitäten erreicht wurde, stolpern Menschen im Höhenflug über sich selbst oder über die fehlende Substanz. Der Ikarus-Effekt wirkt sogar viel gefährlicher beim verdienten Aufstieg: Besonders an der einsamen Spitze neigen Manager und Führungskräfte dazu, sich nur noch mit Menschen zu umgeben, die bequem sind, zu allem Ja sagen und Ihnen schmeicheln und sie sogar umgarnen.
Es ist demnach egal ob man sich unter seinesgleichen oder als kognitiv überlegene Person in in einer Gruppe unqualifizierter Personen befindet oder von gebildeten Menschen auf Augenhöhe umgibt, es ist eine trügerische Ruhe, die sich Betroffene selbst schaffen und darin sonnen. Bis sie an ihrer Verzerrung oder Überheblichkeit scheitern und abstürzen, wie Ikarus aus der griechischen Mythologie, dessen Wachsflügel in der Sonne schmolzen, als er ihr zu nahe kommt. Vergleichbar hierzu ist der Dunnig-Kruger-Effekt, ein kognitiver Bias (Verzerrung), bei dem Menschen mit geringen Fähigkeiten oder Kenntnissen in einem bestimmten Bereich dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Gleichzeitig unterschätzen sie oft die Fähigkeiten anderer, die in diesem Bereich tatsächlich kompetent sind. Dieser Effekt beruht auf der Unfähigkeit, die eigenen kognitiven Defizite zu erkennen.
Wahr ist, die Umwelt bzw. die Menschen in unserem Umfeld haben Einfluss auf uns. Zur Reflexion des eigenen Verhaltens sind sie meist ungeeignet, dafür brauchen wir unbequeme Menschen von außen die nicht in unserer Realität leben. Sie müssen aber auch die Zusammenhänge verstehen um überhaupt eine qualifizierte Rückmeldung geben zu können, die zumindest auf empirischen Evidenzen basiert. Auf Heuristiken zugreifen bedeutet eine mentale Abkürzung zu nehmen, die auf Erfahrung oder Intuition basieren und ohne eine gewisse Reife mit einem Erfahrungsspektrum nicht zu praktikablen Lösungen führen und somit nicht optimal sind. Was andere Ratgeber erlebt haben gilt für das Verhältnis und die Wechselwirkungen deren Systeme und ist nur bedingt auf die eigenen bzw. anderen Systeme übertragbar und ist skeptisch zu bewerten.
Verhältnis von Überzeugung und Wahrheit
Wie wir erkenntnistheoretisch zu wahren Überzeugungen gelangen, ist auch abhängig von unseren kognitiven Fähigkeiten und unseres Wertesystems (Moral). Neben der empirischen Evidenz, haben wir die logische Argumentation, die wir zur Rechtfertigung und Rationalisierung unseres Verhaltens (Handelns) heranziehen. Ob in unserem idealistischen oder pragmatischen Ansatz es wünschenswert ist, dass unsere Überzeugungen der Wahrheit entsprechen, ist dies nicht immer der Fall. Skeptiker argumentieren, dass viele unserer Überzeugungen, auch wenn sie gerechtfertigt erscheinen, nicht unbedingt wahr sind.
Zurecht, das Verhältnis von Überzeugung und Wahrheit ist komplex und der Mensch sucht Abkürzungen, weil er neurobiologisch Ressourcen schont, was auf dem evolutionären Verhaltens- oder „Energieverbrauchs-Muster“ erklärbar ist, da in unseren Genen, Hormonen, Neurotransmittern angelegt sind.
Logisches und konstruktives Denken ist auch unter Druck bzw. Stress nicht möglich, wir entscheiden deshalb nicht rational, wir handeln emotional (Affektiertheit, Affekt logisch), auch weil wir allein durch unsere schnelllebige und mediale Welt unter kognitiver Überforderung leiden oder uns aufgrund der verliehenen oder gewonnenen Machtstellung negativ verhalten. Der Mensch ist nicht unbedingt ein rationales Wesen (Homo Oeconomicus) und handelt je nach sozialem Kontext durchaus emotional. Kognitive Überforderung bzw. kognitive Belastung (Mental Overload), tritt auf, wenn das Gehirn mit zu vielen Informationen oder komplexen Aufgaben konfrontiert wird, als es effektiv verarbeiten kann und führt zu Schwierigkeiten beim Lernen, der Entscheidungsfindung und Problemlösung sowie zu allgemeiner Erschöpfung.
Menschen, die sich besonders mächtig fühlen, tendieren dazu, sich ihr unmoralisches Verhalten schönzureden. Genauer geschieht dies durch Reduktionsstrategien, bei dem Menschen versuchen, Dissonanz im Kopf zu reduzieren, indem sie ihre Kognitionen anpassen, z.B. durch das Ignorieren oder Verdrängen widersprüchlicher Informationen, das Rechtfertigen von Verhalten oder das Hinzufügen neuer konsistenter Kognitionen (Dissonanzausgleich).
Wissenschaftler ließen in einer Studie Probanden einen Fahrer beurteilen, der sämtliche Tempolimits missachtete, weil er zu spät dran war. Die auf mächtig gepolten Versuchsteilnehmer fanden das zwar nicht okay – bei sich selbst aber schon. Falls sie selbst in eine solche Situation kommen würden, konnten sie das jederzeit rechtfertigen und fanden zahlreiche Argumente dafür, andere Verkehrsteilnehmer zu gefährden und sich über Regeln hinwegzusetzen. Es existieren zwei Wahrheiten und Ethiken, die für die eigene Realität und die Wahrheit und moralischen Überzeugungen für die andere Realität, der Anderen (Doppelmoral).
Korrespondenz und Kohärenz der Wahrheitstheorie
Wir können uns zweier Theorien bedienen, die beschreiben was Wahrheit genau ausmacht und uns zur Wahrheit „führen“:
die Korrespondenztheorie: Übereinstimmung mit der Realität
die Kohärenztheorie: Übereinstimmung mit anderen wahren Aussagen
Die Konstruktion von Wirklichkeit ist somit ein Spannungsfeld, wie Menschen Informationen verarbeiten, interpretieren und ihnen eine Bedeutung zuschreiben, um ihre eigene subjektive Realität zu erschaffen. Die Philosophie, Soziologie, Psychologie und Verhaltensökonomie untersucht die kognitiven, emotionalen und sozialen Prozesse, die an der Konstruktion von Wirklichkeit beteiligt sind. Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess, bei dem Informationen aus der Umgebung durch unsere Sinne aufgenommen und interpretiert werden. Demnach beeinflusst die Art und Weise, wie wir die Welt um uns herum wahrnehmen, unsere Konstruktion der Realität.
Bei der Wirklichkeitskonstruktion, spielen die soziale Interaktion und Kommunikation eine wichtige Rolle. Durch den Austausch von Informationen, Sprache und kulturellen Normen innerhalb einer Gemeinschaft werden gemeinsame Bedeutungen und Konzepte entwickelt. Die soziale Konstruktion von Wirklichkeit besagt, dass unsere Realität durch die Interaktion mit anderen Menschen und der Gesellschaft geformt wird. Sprich wenn Menschen in Resonanz treten und als lebende autopoiesische Systeme sich gegenseitig beeinflussen, durch gegenseitige Irritation (Wechselbeziehung) die durch strukturelle Koppelung zur Parallelisierung der selbstreferentiellen Systeme und somit zu einer gemeinsamen Konstruktion von Wirklichkeit (Gleichschaltung). Strukturelle gekoppelte Realitäten führen zu einer individuellen neuen sozialen Wirklichkeit durch Identifikation, nachgehen einem Zugehörigkeitsbedürfnis oder sozialer Anpassung.
Individuelle Lebenserfahrungen, traumatische Ereignisse, Kultur, Erziehung und andere persönliche Faktoren beeinflussen ebenfalls die Art und Weise, wie Menschen die Welt verstehen und ihre Realität konstruieren. Verschiedene Menschen können daher unterschiedliche Versionen der Realität haben, basierend auf ihren einzigartigen Lebensgeschichten und Perspektiven (Heuristiken).
Gerade weil psychologische Konzepte verdeutlichen, dass die Wirklichkeit nicht einfach objektiv existiert, sondern dass sie durch die individuelle Wahrnehmung, kognitive Prozesse, soziale Einflüsse und persönliche Erfahrungen konstruiert wird, ist die Reflexion der Gedanken wichtig um keine falschen Entscheidungen zu fällen. Es ist unbedingt ratsam bei der Stressbewältigung und bei Reduktionsstrategien die eigene Perspektive zu erweitern, sich selbst kritische Fragen zu stellen, zu recherchieren, zu zweifeln und mit möglichst unterschiedlichen Menschen, vor allem außerhalb des momentanen Umfelds in den Dialog zu treten um Sachverhalt zu reflektieren.
Kognitive Dissonanzen und die Konstruktion der Realität
Kognitionen sind mentale Ereignisse, die mit einer Bewertung verbunden sind. Zwischen diesen Kognitionen können Konflikte (Dissonanzen) entstehen. In einem Dialog unter zwei Personen die in Resonanz treten, können bei beiden auch zu unvereinbaren Kognitionen (z. B. Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Bedürfnisse, Vermutungen oder Absichten usw.) kommen, auch zwischen zwei sich gegenseitig sympathisierenden Systemen (wenn auch weniger stark). Diese einzelnen Wahrnehmungen und Informationen bzw. Kognitionen werden kognitive Elemente genannt.
Treten zwei oder mehr widersprüchliche Kognitionen gleichzeitig auf, kommt es zu einem unangenehmen Spannungszustand, der sogenannten Dissonanz. Kognitionen bzw. kognitive Elemente sind persönliche Gedanken oder Überzeugungen, Meinungen oder Einstellungen, etc. Sprich, die kognitive Dissonanz kann durch verschiedene Faktoren entstehen, wie zum Beispiel widersprüchliche Informationen, Entscheidungen, Verhalten oder soziale Erwartungen. Um diesen Zustand zu reduzieren, versuchen Menschen mit allen Mitteln, ihre Kognitionen anzugleichen, was zu einer verzerrten Konstruktion der Realität führen kann. Sie biegen sich ihre Welt regelrecht zurecht.
Der kognitive Dissonanzausgleich ist die Vermeidung des Gefühls der Unstimmigkeit oder Inkongruenz zwischen verschiedenen Kognitionen, also zwischen dem, was man denkt, glaubt oder fühlt, und der Realität. Durch ein Ereignis (Event), können die eigene Haltung und die Werte über Bord geworfen werden. Je gravierender das Lebensereignis, desto stärker die Dissonanz. Dann spricht man von einem kritischen Lebensereignis (auch belastendes Lebensereignis, Lebenskrise, Stressful Life Event, Adversity), einem Ereignis, das die bestehende Lebenssituation einer Person stark verändert und sie zu Maßnahmen der Bewältigung und Anpassung zwingt. Es kann sich auch um normative Ereignisse handeln. Das sind Entwicklungsaufgaben, wie bspw. Prüfungen, Beginn einer Partnerschaft, Beginn der Berufstätigkeit, Berentung. Diese Ereignisse erfordern Anstrengungen und können zu Misserfolg führen.
Kritische Lebensereignisse und Entwicklungsaufgaben sind häufig Anlass, Lebensziele zu verändern oder/und die Überzeugungen von der Welt (kognitive Schemata) zu modifizieren. Andererseits versuchen betroffene Personen auf bewährte Routinen zurückzugreifen, durch die das Selbst bewahrt, verteidigt oder in seiner Konsistenz gesichert werden soll. Zweitere Systeme haben demnach ein anderes, bewussteres Selbstbild; sie kennen ihren Selbstwert und den Wert des Einsatzes und die Konsequenzen die aus einer Entscheidung folgen, die Dinge an die sie glauben verändern können, bzw. den Wert eines Verlust (Opfer) und den Preis der Aufgabe ihrer Ziele, Überzeugungen oder Realität bzw. die möglichen Folgen einer Modifizierung ihres Wertesystems.
Entscheidend ist hier bei die Ambiguitätstoleranz, also die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu akzeptieren oder Zweifel auszuhalten. Die wenigsten Menschen halten Zweifel noch aus. Wer Zweifel schwer ertragen kann, trifft eher vorschnelle (Fehl-)Entscheidungen und ist schneller geneigt, als Mitläufer einer Meinung bzw. Überzeugen einer Führerfigur zu folgen oder gar nichts mehr zu glauben. Sie ist eine der Kernkompetenzen des Dialogs oder Diskurses.
Die Ursache der Dissonanz liegt neben der mangelnden Bedürfnisbefriedigung oder/und entsteht, wenn
Informationen nicht mit bestehenden Überzeugungen übereinstimmen,
Entscheidungen getroffen werden müssen,
Verhalten nicht mit Einstellungen übereinstimmt oder soziale Erwartungen nicht erfüllt werden.
Zusammenfassend kann hier festgehalten werden, dass wir, um die Dissonanz auszugleichen, Reduktionsstrategien anwenden. Menschen versuchen, Dissonanz zu reduzieren, indem sie wie oben beschrieben, ihre Kognitionen anpassen, z.B. durch das Ignorieren oder Verdrängen widersprüchlicher Informationen, das Rechtfertigen von Verhalten oder das Hinzufügen neuer konsistenter Kognitionen. Diese Reduktionsstrategien können dazu führen, dass wir eine subjektive, verzerrte Realität konstruieren, um unsere Dissonanz zu verringern. Es entsteht somit eine (neue) subjektive Realität, die nicht immer mit der objektiven Realität übereinstimmt. Der Mensch baut sich durch die Relativierung und Reduktion eine Lebenslüge auf und rechtfertigt diese konstruierte Realität als relative Wahrheit um die schmerzhafte Dissonanz zu überwinden oder zu beseitigen.
Menschen folgen generell einem kognitiven Schema. Kognitive Schemata sind mentale Strukturen oder Muster, die unser Wissen, unsere Erfahrungen und Erwartungen über die Welt repräsentieren. Sie dienen als Rahmen für die Interpretation neuer Informationen. Unsere Schemata beeinflussen, wie wir Ereignisse verstehen und welche Bedeutung wir ihnen zuschreiben. Befindet sich ein Mensch durch den inneren Konflikt, der durch die kognitive Dissonanz hervorgerufen wird, in einem Ungleichgewicht, ist dieser unbedingt bestrebt wieder einen konsistenten Zustand (Gleichgewicht) zu erreichen. Ein Ungleichgewicht entsteht demnach dann, wenn der Mensch anders handelt, als er denkt, oder wenn er zwei grundsätzlich verschiedene Meinungen vertritt.
Gefährdung des Selbstkonzepts
Ein durch eine im Dialog durch eine Person hervorgebrachtes Ungleichgewicht bzw. eine kognitive Dissonanz kann beim Gegenüber, dem Dialogpartner u. a. auftreten, wenn dieser:
eine Entscheidung getroffen hat, obwohl die Alternativen ebenfalls attraktiv waren;
eine Entscheidung getroffen hat, die sich anschließend als Fehlentscheidung erweist;
erkennt, dass eine begonnene Sache anstrengender oder unangenehmer wird als erwartet (Erwartungshaltung);
große Anstrengungen auf sich genommen hat, nur um dann festzustellen, dass das Ergebnis den Erwartungen nicht gerecht wird;
sich konträr zu seinen Überzeugungen verhält, ohne dass es dafür eine externe Rechtfertigung (Nutzen/Belohnung oder Kosten/Bestrafung) gibt.
Ist die Dissonanz für eine betroffene Person stark genug, kann ihre Bekämpfung eine dauerhafte Änderung von Einstellungen und Verhaltensweisen (Handeln) herbeiführen. Starke Dissonanz entsteht insbesondere bei einer Gefährdung des stabilen, positiven Selbstkonzepts, wenn also jemand Informationen bekommt, die ihn als dumm, unmoralisch oder irrational dastehen lassen.
Eine Dissonanz würde die Person dazu motiviert, die entsprechenden Kognitionen miteinander vereinbar zu machen, wobei unterschiedliche Strategien benutzt werden, wie bspw. Verhaltensänderungen oder Einstellungsänderungen. In der äußersten Form, falls nötig, werden die eigenen Überzeugungen und Werte geändert (Annahmen und Glaubenssätze, Normen und Prinzipien), was über temporäre Rationalisierungen weit hinausgeht. Also einem Rationalisierungs-Vorgang, bei dem für ein Verhalten verstandesmäßige Gründe angeführt werden, während andere unvernünftige Gründe für das Verhalten verborgen bleiben. Dies geschieht nicht nur gegenüber Dritten, sondern vor allem auch im Sinne einer „inneren Ausrede.“
Für den beruflichen Kontext gilt: Wie alle Abwehrmechanismen findet sich Rationalisierung auch in interpersonalen und institutionellen Abwehrformationen und übernimmt dort einerseits vital wichtige Funktionen für die Sicherung der Institution als Ganzes, birgt aber zugleich die Gefahr der Verhärtung und nicht mehr funktionalen Verfestigung einer Institution. (Mentzos: Interpersonale und institutionalisierte Abwehr, 1988)
Stressbewältigung: kognitive und emotionale Auseinandersetzung
Bei der Stressbewältigung verhält es sich ähnlich und bezieht sich auf die tätige und/oder kognitive (und emotionale) Auseinandersetzung einer Person mit belastenden Merkmalen der Umwelt und mit sich selbst, unabhängig von ihrem Erfolg (Schulz:2005:219ff).
Die Bewältigungs-Aktivitäten (Coping) können grundlegend danach unterschieden werden, ob sie an der durch ein kritisches Ereignis veränderten Lebenslage oder an der betroffenen Person selbst ansetzen und einer offensiven oder defensiven Bewältigungs-Strategie folgen:
Bei offensivem Coping versucht die Person, "die Stressquelle, die Stresswahrnehmung, die Stressbewertung und die verschiedenen Ebenen der Stressreaktionen aktiv zu beeinflussen."
Bei defensivem Coping vermeidet die Person "größere Anstrengungen und verzichtet weitgehend auf die offensive Auseinandersetzung." (Schulz ebd.)
Zunächst bewertet eine betroffene Person die Stress-Situation und ihre Copingfähigkeiten, bei der dann ihre folgenden Bewältigungs-Aktivitäten zwischen problemzentriertes und emotionszentriertes Coping sowie Neubewertung (reappraisal) unterschieden werden kann (Lazarus/Folkman, Transaktionales Stressmodell, 1984)
Bewältigung wird angestrebt über die Beeinflussung der ... | Offensives Coping | Defensives Coping |
der Stressquelle | 1. Planvolles Handeln zur Beeinflussung der Stressquelle | 2. Bewusstes Vermeiden der Konfrontation mit der Stressquelle |
der Stresswahrnehmung | 3. Informieren über die Stressquelle | 4. Verleugnen/Ignorieren oder Ausblenden der Stressquelle |
der Stressbewertung | 5. Sich Mut machen durch Umbewerten | 6. Akzeptieren durch Umbewerten |
der körperlichen Stressreaktion | 7. Aktive Beruhigung und Anregung | 8. Passive Beruhigung und Anregung |
des Stressausdrucks | 9. Stressemotionen ausdrücken, abreagieren, mitteilen | 10. Stressemotionen kontrollieren/unterdrücken |
Tab. 1 Stressbewältigungs-Strategien (Schulz 2005)
Stress bewältigen wir nur diesen, den wir bewusst wahrnehmen, da die Wahrnehmung, die Art und Weise wie wir unsere Umwelt betrachten, unsere Konstruktion der Realität beeinflusst. Wir sehe in erster Linie das, was bereits da ist und was uns unsere bisherigen Erfahrungen widerspiegeln. Diese Informationen aus dem Bewusstsein und der Umwelt nehmen wir aktiv auf und interpretieren sie auf der Grundlage unseres vorhandenen Wissens. Sie sind quasi rückwärtsgewandt. Um unsere Zukunft vorwärtsgewandt gestalten zu können, müssen wir uns die neue Realität die wir konstruieren wollen, vorstellen und mit neuem Wissen und neune Erfahrungen verknüpfen. In beiden Fällen geschieht das über selektive Aufmerksamkeitsfokussierung.
Fokussierte Aufmerksamkeit und Willensfreiheit
Selektive Aufmerksamkeitsfokussierung, auch fokussierte Aufmerksamkeit genannt, ist eine wichtige kognitive Fähigkeit, die es uns ermöglicht, sich auf bestimmte Reize oder relevante Informationen zu konzentrieren und gleichzeitig andere irrelevante, aus der Fülle von Sinneseindrücken herauszufiltern und unwichtige Reize auszublenden. Diese Fähigkeit ermöglicht es, unsere Umwelt zu verstehen und effektiv zu interagieren, damit wir uns für die Zielerreichung auf bestimmte Aufgaben konzentrieren können.
Wichtig is hierbei zu verstehen, dass nach der Theorie der Affektlogik, die einmal angelegten Fühl-, Denk- und Verhaltensprogramme wandel- und erweiterbar durch Lernen bleiben. Dabei spielen wiederum bzw. insbesondere affektive Komponenten eine wichtige organisatorisch-integrative Rolle. Wie die Alltagserfahrung lehrt, werden Ereignisse und Fakten, die mit prägnanten Gefühlen, wie etwa Freude, Schreck, Angst oder Wut, verbunden waren, besonders gut im Gedächtnis behalten. Rein kognitive Informationen dagegen lassen Menschen kalt und werden wie Marketingexperten und Journalisten sehr wohl wissen, praktisch gar nicht beachtet.
Das Phänomen des sogenannten zustandsabhängigen Lernens und Erinnern zeigt, dass Affekte wie Filter oder Schalter wirken, die darüber entscheiden, was überhaupt gespeichert oder abgerufen wird. So registriert etwa der Verliebte, der Glückliche und Euphorische völlig andere Aspekte der gleichen Umwelt als der Traurige, der Wütende oder der Verängstigte; und entsprechend ist seine Erinnerung. Dafür sprechen neurophysiologische Befunde und rein psychologische Beobachtungen, die belegen, dass durch gleiche Affekte verknüpfte kognitive Gedächtnisinhalte in eben diesen Affektzuständen bevorzugt mobilisiert werden. Bei einem Experiment mit durch Hypnose oder mit die Psyche beeinflussendem LSD induzierten Gefühle von Angst, Freude oder Scham, kamen bei Probanden über das gesamte Leben verstreute, aber verdrängte Erinnerungen mit gleichartiger Gefühlsqualität, sozusagen, en bloc wieder zum Vorschein. Der Versuchsleiter Stanislaw Grof bezeichnete solche Blöcke als Coex-Erinnerungen (condensed experiences, kondensierte Erfahrungen). (Vgl. Experimente der Johns Hopkins Medical School, Stanislav Grof, 1972-1975).
Ciompis These dazu lautet:
"Wie auch immer die Aktivierung affektiv-kognitiver Schaltkreise ausfällt, sie hängt nach dem vorgestellten Konzept mindestens ebenso sehr von der Struktur der bestehenden affektiv-kognitiven Bezugssysteme selber ab wie von der Natur der Auslöser – seien sie nun kognitiv, affektiv, sensomotorisch oder zentralnervös-biochemisch. Dies vermag zwanglos zu erklären, warum gleiche Stimuli auf verschiedene Individuen derart unterschiedlich wirken können, dass Experimente widersprüchlich ausfallen. Zugleich macht dies klar, warum die nun schon Jahrzehnte dauernde Kontroverse, ob Affekt oder Kognition das Primäre seien, vermutlich nie zugunsten der einen oder der anderen Richtung entschieden werden kann".
„affektive Regulation von Regulationen“
Ciompi kommt bei seiner Arbeit an der Affektlogik zu Schluss, dass selbst der freie Wille eine typisch affektiv-kognitive Struktur aufzeigt. Die Willensfreiheit hat einen kognitiven Inhalt (wenn ich beispielswiese sage: ich will ein Haus bauen, nach Paris reisen, diesen oder jenen Gegenstand kaufen) und entspricht zugleich einem intensiven dominierenden Affekt. Piaget schloss aus der Analyse aller einschlägigen Hinweise und Indizien sogar, der Wille sei eine „affektive Regulation von Regulationen“, sprich ein hierarchisch übergeordneter Gefühlsimpuls.
Piagets Interpretation steht ganz im Einklang mit den von der Affektlogik postulierten mobilisatorischen und organisatorisch-integratorischen Funktionen der Affekte Ciompis:
"Der gebündelte, dominierende „Willensaffekt“ kanalisiert und polarisiert das Denken stärker als sämtliche untergeordneten Affekte auf ein bestimmtes Ziel hin; er ist deshalb bekanntlich imstande, Berge zu versetzen. Nur beim Menschen jedoch gehen seine Wirkungen so weit, daß gewisse Gefühlsregungen entweder willentlich unterdrückt oder aber simuliert werden können".
Ciompi betont dabei, dass nicht übersehen werden sollte, dass solche „Regulationen“ ihrerseits wieder letztlich unter der Herrschaft übergeordneter Affekte wie Scham, Angst oder Aggression stehen und man von einem „freien Willen“ nur mit größter Vorsicht zu sprechen wagen sollte. Er führt es auf zahlreiche Befunde zurück, die belegen, dass ein Großteil dieser Affektschaltungen weitgehend unbewusst bleiben.
Mobilisierenden und integrierenden Wirkungen der Affekte
In der affektlogischen Psycho- und Soziodynamik finden sich praktisch sämtliche mobilisierenden und integrierenden Wirkungen der Affekte, sowohl auf der individuellen Mikroebene und in abgewandelter Form auf der sozialen Makroebene wieder. Kollektive emotionale Impulse, Stimmungen, Haltungen und Wertvorstellungen bewegen und motivieren nicht nur soziale Systeme beliebiger Größe, sondern verleihen ihnen sowohl in einer aktuellen Situation wie auch über die Zeit erst den erforderlichen Zusammenhalt. Ohne eine gemeinsame emotionale Basis fallen Paare wie Familien, Gruppen und ganze Nationen auseinander: Gemeinsames Handeln ist nur aufgrund bestimmter gemeinsamer Gefühle – etwa Angst, Wut, Freude, Enthusiasmus – möglich.
Ohne eine gemeinsame emotionale Basis fallen Paare wie Familien, Gruppen und ganze Nationen auseinander.
Phänomene wie Massenpanik und Massenhysterie verdeutlichen die mobilisierenden und integrierenden Wirkungen der Affekte in der affektlogischen Psycho- und Soziodynamik. Subtiler äußert sich die ansteckende Wirkung darin, dass Stimmungen innerhalb eines Paares oder einer Gruppe sehr rasch überspringen und dann alle weitere Kommunikation unterschwellig beeinflussen. So können untergründige Affekte wie Wut, Scham oder Angst das gesamte soziale Verhalten entscheidend bestimmen.
Mit Sicht auf de Konstruktivismus funktionieren Affekte zudem auch im sozialen Bereich bei der Bildung und dem Abruf von Gedächtnisinhalten wie eine Art Schalter: Gewisse kollektive Erinnerungen versinken unter der Wirkung aktueller übermächtiger Emotionen oder tauchen wieder auf – was sich gerade jetzt besonders krass in der Reaktivierung gewisser Kriegserinnerungen im früheren Jugoslawien oder im Wiederaufflammen nationalsozialistischer Denkinhalte in Deutschland zeigt. Auf der gleichen affektregulierten Verschiebung des Bewusstseinsfokus beruhen auch die periodisch überall zu verzeichnenden „Umschreibungen der Geschichte“ wie beispielsweise in Russland, Ukraine, Türkei, Kroatien oder USA.
Kritische Auseinandersetzung mit der Affektlogik und dem Konstruktivismus
Zusammenfassend lässt sich über die Affektlogik sagen, dass das psychisch-mentale Geschehen mithin über weiteste Bereiche keineswegs allein von denkerischer Logik, sondern von Affektlogik beherrscht ist: Es gibt eine Logik der Angst, der Wut oder der Trauer ebenso wie eine Logik der Freude oder der Liebe. Jede kann den Menschen um den Verstand bringen. Irgendwo zwischen den Extremen dürfte allerdings die erwähnte neutralisierte Zone – eine Stimmung ausgeglichener Entspannung und Gelassenheit – liegen, in der die Welt der scheinbar emotionsfreien alltäglichen Automatismen und auch der wissenschaftlichen Gewissheiten angesiedelt ist, die dem konventionellen Begriff von Logik besser entsprechen. Welche dieser Logiken jeweils in der Hierarchie dominiert, ist eine Frage des gesamten Kontextes.
Für jede Art von Kommunikation und Informationsübermittlung hieße dies, daß für die Aufnahme kognitiver Botschaften die grundlegende Affektstimmung von erstrangiger, der Inhalt der zu übermittelnden Informationen dagegen nur von zweitrangiger Bedeutung ist. Wie jeder gute Lehrer, Redner, Verkäufer, Entertainer oder Werbefachmann weiß, muß er sein Publikum erst einmal emotional einstimmen, um überhaupt gehört zu werden. Zudem hat, wie die Alltagserfahrung lehrt, ein sympathisch wirkender Mensch große, ein unsympathischer dagegen kaum Chancen, sich Gehör zu verschaffen – ganz gleich, was er mitzuteilen hat.
Als Kritik an der oben eingebrachten Affektlogik von Luc Ciompi, sind systemtheoretische Paradigmen aufzuführen. Nach Luhmann ist die Sprache vor allem darin einzigartig, dass sie erlaubt, alles Gesagte auch zu negieren; sie kodiert in Ja/Nein (was die ausdifferenzierten Erfolgsmedien dann noch einmal steigern). Demnach lässt sich eine Strukturähnlichkeit von Sprache und Gefühlen ausmachen. Gefühle sind im Gegensatz zur Sprache ambivalenter und die meisten Emotionstheorien teilen sie in einem Positiv-Negativ-Spektrum ein:
Im Medium der Sprache lassen sich Formen (Sätze, Ausdrücke, …) bilden;
Im Medium der Macht bestimmte Regierungsweisen;
in der Macht-Symbiosis Gewalt bestimmte exekutive (oder auch illegale) Strategien;
in der Sprach-Symbiosis Gefühle sehr spezifische, aber wandelbare und umweltabhängige Gefühlsmuster (auf Macht folgt Protest folgt Staatsgewalt folgt Angst folgt Wut; auf Zuneigung und Begehren folgt Eifersucht und Wut o.ä.).
In der Affektlogik bleiben einige Thesen unspezifiziert, wie beispielsweise die körperliche Rückbindung der Gefühle. Dies lässt daran zweifeln, dass Gefühle direkt an einem der ausdifferenzierten Medien hängen und lässt eher vermuten, dass sie direkt an der Sprache als dem grundlegenden Medium der Kommunikation hängen. Dafür spricht die starke Kopplung mit psychischen Systemen: Sprache sowohl im Denken wie in der Kommunikation ist emotional „begleitet“, körperlich rückgebunden. Diese starke Verbindung - die „Affektlogik“ des einzelnen und sein Bezug zu „Kollektivgefühlen“ - verführt Ciompi eben zu einigen seiner "übersteigerten" Thesen.
Dennoch hat er natürlich Recht damit, dass vor allem das gedacht und gefühlt werden kann, was „zur Sprache“ gebracht werden kann (Ciompi:1982:206); er sieht das aber vorrangig als die Sprache des Denkens, und nicht der Kommunikation. Die Sprache des Denkens und die Kommunikation sind eng miteinander verbundene, aber unterschiedliche Konzepte. Während Sprache ein System zur Kommunikation ist, das Laute, Gesten und Symbole umfasst, ist das Denken ein kognitiver Prozess, der es uns ermöglicht, Zusammenhänge herzustellen und Bedeutungen zu entwickeln. Sprache kann als Werkzeug für das Denken dienen, aber nicht alles Denken ist sprachlich, und Sprachtätigkeit ist nicht auf Denken beschränkt. Deshalb soll Wittgensteins Tractatus die Verbindung schaffen: Denken und Sprache beeinflussen sich gegenseitig. Sprache kann das Denken strukturieren, während das Denken die Entwicklung von Sprache vorantreibt. Die Sprache ist die Grenze der Welt.
Wir Menschen sind sehr komplexe Systeme und die beiden Konzepte Denken und Kommunikation sind zwar eng miteinander verbunden, aber sie sind nicht dasselbe. Denken ist ein kognitiver Prozess, während Kommunikation der Austausch von Informationen ist. Sprache ist ein wichtiges Werkzeug für beide, aber nicht das einzige. Die Beziehung zwischen Denken und Sprache ist komplex und bleit noch nicht vollständig erforscht.
In diesem Artikel gehe ich auf gesellschaftliche, soziale Phänomene wie Massenpanik oder politischen Extremismus nicht ein, erwähne diese aber, angerissen der Vollständigkeit halber. Außerhalb der sozialen Gesellschaftstheorien findet Ciompis Theorie der Affektlogik auf Miko- und Meso-Ebene ihre Berechtigung.
Es ist gar nicht so wichtig, ob Ciompis „Massen-Emotionen“ individuell wirklich gefühlt werden (können). Das mag vielleicht sein, aber oft auch nicht (sowohl eine beachtliche Anzahl nationalsozialistischer Reichsdiener als auch viele stalinistische Funktionäre hatten echte Gefühle für Hitler bzw. Stalin). Das ist für einen sozialen, kommunikativen Zusammenhang auch zweitrangig. Im sozialen System sind die Gefühle wirksam; das Individuum tut dann gut daran, deren Mitempfinden zumindest darzustellen, was darauf rückschließen lässt woher vielleicht ein Teil unseres Authentizitätszwangs rührt, zusammen mit unseren romantischen Wurzeln.
Die Wahrnehmung ist ein Alltagsphänomen. Wie wir Menschen wahrnehmen, welche Prozesse und Strukturen der Wahrnehmung dabei der Wahrnehmung zu Grunde liegen, wird selten hinterfragt. Die Annahme, dass die uns umgebende Umwelt über unsere Sinne in unser Gehirn gelangt und dort ein getreues Abbild dieser schafft, ist Alltagswissensbestand.
Der mit dieser Theorie der Neurowissenschaft (Hirnforschung) verbundene Wirklichkeitsanspruch eines Individuums ist plausibel und sein Anspruch darauf, die Wahrheit gesehen oder erfahren zu haben, ebenfalls. Das menschliche Gehirn und sein Wahrnehmungsapparat wären nach diesen Vorstellungen den Umweltreizen in vollem Umfang ausgesetzt und somit umweltoffen - es bestünde eine direkte Verbindung zur Außenwelt. Einer solchen Auffassung wird von den konstruktivistischen Theorien widersprochen. Hier stützt sich Ciompi an Konrad Lorenz, nach dem jede höhere Differenzierung von Leben einer immer differenzierteren Wahrnehmung der Umwelt und der ihr innewohnenden Gesetzmäßigkeiten entspricht. Das Gehirn des Menschen sei die differenzierteste Materie, die es gibt. Seele, bzw. Geist im herkömmlichen engeren Sinn tritt somit im Lauf der Evolution progressiv von ersten Keimen in den kognitiven Funktionen von Pflanzen und Tieren bis zu den höchsten geistigen Leistungen des Menschen in Erscheinung.
Nach dieser Ciompi-Lorenzschen Auffassung können Mythen, Religionen, Wissenschaft und Kunst, als verschiedenartige und immer in bestimmter Weise einseitige Versuche verstanden werden, etwas von dem genannten, unabhängig vom Menschen existierenden abstrakten unendlichen Beziehungsgeflecht zu erfassen, das zusammen mit der „Evolution der Materie“ in Erscheinung tritt. Ciompi schafft es mit seinem Ansatz, den Graben zwischen einer wissenschaftlichen und einer religiösen oder spirituellen Weltsicht ein Stück weit zu überbrücken, insbesondere wenn man aus ökonomischer Sicht die Synergetik – die energieökonomischen Vorteile des Zusammenwirkens – sowohl als Motor der Evolution wie auch als eine Form von „Liebe“ in weitestem Sinne betrachtet oder verstehen will.
Der Mensch ist somit nicht nur selbst ein Teil dieser Evolution, sondern er ist dank seinen überragenden Fähigkeiten und Wirkungen auf die Umwelt auch ein Stück weit für sie verantwortlich, da die menschliche Technik und die menschliche Kultur als Fortschritt zu verstehen ist, die eine Fortsetzung der Evolution überhaupt erst erlauben; auf sowohl technish-materieller wie auch geistiger Ebene.
Menschliche Technik und Kultur können als Fortsetzung der Evolution auf sowohl technisch-materieller wie auch geistiger Ebene verstanden werden.
Im Sinne der Kybernetik, erzeugt somit der Körper seine eigene Grenze zwischen dem Körperinneren und dem, was außerhalb des Körpers liegt. Dies geschieht im Interaktionsprozess der Bestandteile eines lebenden Systems selbst. Das System ist demnach zunächst von der Außenwelt abgeschlossen und Strukturveränderungen sind nur durch das System selbst möglich. Obwohl das System in sich geschlossen ist, bleibt es dennoch offen, um durch Stoffwechsel Energie zu gewinnen und mit der Umwelt zu interagieren (Simon:2008:31-34).
Die Veränderungen der Struktur unterliegen jedoch der Organisation unseres Systems, und von daher dem Systemerhalt. Strukturveränderungen beziehen sich jedoch nicht ausschließlich auf biologische Aspekte des Systems, sondern auch auf Verhaltensweisen, Bedürfnisse, Persönlichkeitsaspekte, Erfahrungen und generierte Kenntnisse. Ein lebendes System besteht aus seiner Organisation und aus seiner Struktur. Die Organisation eines lebenden Systems (Autopoiesis) ist bei allen Lebewesen gleich und beschreibt ihre Gemeinsamkeit, sich selbst, also das System, zu erzeugen und sich am Leben zu erhalten.
Eine Veränderung der Struktur ist ein Prozess, der vom lebenden autopoietischen System selbst initiiert wird. Dies geschieht in der Regel, wenn es darum geht, das Handeln umweltviabel zu gestalten. Inwieweit ein solches Handeln jedoch "umweltverträglich" ist, beurteilt das System Mensch wiederum selbst (Zimmermann:2006:73). Die lebenslang andauernde Selbsterzeugung ist eine notwendige und ständige Entwicklung, mit dem Ziel um als System am Leben zu bleiben und das System zu erhalten. Die Elemente, die einen Systemerhalt, also die Organisation eines Systems gewährleisten, stehen stets in einer bestimmten Relation zueinander. Dies wird als die Struktur eines Lebewesens bezeichnet. Diese Strukturen können sich ändern, ohne dass die Organisation des Lebewesens beeinträchtigt wird. ( Zimmermann:2006:72f).
Hervorzuheben ist, dass autopoietische Systeme zudem nicht nur ihre Struktur organisieren, sondern auch die Bestandteile dieser Struktur selbst erzeugt (z.B. Zellen). Die Organisation sorgt für die Reproduktion der Bestandteile der Struktur, die wiederum die Organisation gewährleisten. (Simon:2008:31-34). Dieser Prozess zeigt, dass ein System keine Informationen benötigt, um seine Organisation aufrecht zu erhalten, die nicht schon selbst in ihm angelegt sind. Es ist funktional geschlossen und selbstreferentiell; es entscheidet es selbst, wie mit diesen Einflüssen umgegangen wird. Somit ist das lebende System weitestgehend autonom und diese Autonomie wird nur durch seine Struktur determiniert.. (Zimmermann:2006:72-73).
Da ein autopoietisches System selbstreferentieller Natur ist, kann die Umwelt keine direkte Beeinflussung des Systems nach ausüben, vielmehr selektiert der Mensch seine Wahrnehmung nach seiner inneren Struktur -Zimmermann:2006:73
Die Wahrnehmung des Menschen spiegelt nach diesen Erkenntnissen niemals die objektive Wirklichkeit wider. Es wäre vielmehr sein Gehirn und das System Mensch an sich, das sich abgeschlossen von der Umwelt mit seinen eigenen Zuständen beschäftigt und diese konstruiert. Obwohl das Gehirn aus konstruktivistischer Sicht als System geschlossen und von der Umwelt abgegrenzt ist und sich nur mit seinen eigenen neuronalen Aktivitäten beschäftigt, wirkt die Umwelt ständig auf es ein. Die äußeren Einflüsse dringen jedoch nicht in ein umweltoffenes System ein.
Widerspricht die Neurowissenschaft der konstruktivistische Feststellung, dass autopoietische Systeme die Umwelt nur durch innere neuronale Aktivitäten wahrnehmen können? Denn in unserer gegenständlichen Welt muss es etwas geben, das unsere sensorischen Zellen stimuliert, also neuronale Aktivität erzeugt, mit der sich das Gehirn anschließend beschäftigen könnte. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über neuronale Aktivitäten, also wie menschliche Sensoren, bzw. Neuronen die Sinne beeinflussen, belegen dass diese entsprechend ihrer Aufgabe, ausschließlich die ihrer Aufgabe entsprechenden Empfindungen widergegeben.
Am nachfolgenden neurobiologischem Ablauf von Wahrnehmung durch das Auge lässt sich eine direkte Parallele zu den konstruktivistischen Aussagen erkennen: Das Bild der Umwelt kann nicht in das Gehirn im Sinne eines Inputs eindringen.
Die neuronale Aktivität des Gehirns, z.B. die Bewegung des Auges, aktiviert die neuronalen Aktivitäten der Wahrnehmung. Die undifferenzierten Signale der Nervenzellen werden innerhalb des Gehirns anschließend korreliert und ergeben in dieser Wechselbezüglichkeit der Nerven einen Wahrnehmungsinhalt, der interpretiert werden könnte. Das Bild eines Baumes oder der Klang einer Melodie wären aus konstruktivistischer Perspektive ein Konstrukt des menschlichen Gehirns. Es hat sich mit seinen eigenen Zuständen auseinandergesetzt und Wirklichkeit erschaffen. Am Beispiel einer Nervenzelle im Auge läuft der Prozess wie folgt ab:
Undifferenzierte Codierung von Reizen: Das Auge wandelt nur Lichteinflüsse in neuronale Aktivität um. Das passiert ganz unabhängig von seiner physikalische Natur. Eine Nervenzelle gibt ausschließlich einen Reiz oder eine Störung als neuronale Aktivität weiter, sagt aber in ihrer Aktivität nichts über das aus, was sie gereizt oder gestört hat.
Wechselbeziehung: Das Gehirn erhält demnach nur neuronale Signale in unterschiedlicher Intensität, die in ihrer Art undifferenziert sind, aber dem jeweiligen Sinn zugeordnet werden können. Ein Objekt, ein Geräusch oder ähnliches wird demnach durch unser Gehirn intern konstruiert, da es die verschiedenen neuronalen Aktivitäten korreliert.
Korrelation: dies führt anschließend zur Farbwahrnehmung oder zum Hören von Musik. Das ist jedoch ein Prozess des Gehirnes, das die verschiedenen neuronalen Korrelationen deutet und interpretiert.
Ein objektiver Wirklichkeitsanspruch ist aus er Erkenntnis der Neurowissenschaft somit nicht möglich. Das Erkennen eines Objektes oder Subjektes baut auf dieser Korrelation verschiedener neuronaler Aktivitäten auf. (von Förster/Pörsken:1999:15-18). Es gibt demnach eine gegenständliche Umwelt, die der Mensch mittels undifferenzierter Reize wahrnimmt. Diese lassen jedoch keine objektiven Rückschlüsse auf das Objekt und seine physikalische Existenz zu.
Unsere Wahrnehmung wäre nach Zimmermann selektiv, wir nehmen also nur das wahr, was wir für unseren Systemerhalt benötigen. Unsere Erkenntnisse sind subjektiver Natur. Das Wahrnehmen der Umwelt, auch wenn sie auf uns einwirkt, ist durch die Selbstreferentialität und operationale Geschlossenheit des Systems immer ein Produkt des Gehirns, eine Konstruktion.
Dennoch muss der Mensch nach Zimmermann als geschlossenes System mit anderen Menschen oder seiner Umwelt interagieren, um wie oben erwähnt viable Handlungsschemata zu entwickeln. Wir entwickeln nicht nur eine individuelle Wirklichkeit, sondern auch gemeinsam mit anderen Menschen eine soziale Wirklichkeit als ein Produkt von Interaktionssprozessen. Dies geschieht durch die strukturelle Kopplung (Zimmermann:2006:75). Unsere (selektive) Wahrnehmung auf (individueller Mikroebene) wird dabei durch verschiedene Faktoren beeinflusst. Die häufigsten sind:
Aufgabenrelevanz
Sie hilft, Aufgaben zu bewerten und zu priorisieren, um effizienter arbeiten und bessere Entscheidungen treffen zu können. Wenn eine bestimmte Information oder ein bestimmter Reiz für die aktuelle Aufgabe oder das Ziel von Bedeutung ist, besteht eine höhere Wahrscheinlichkeit, dass unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet wird. Die Aufgabenrelevanz bezieht sich also auf die subjektiv wahrgenommene und empfundene Wichtigkeit und Bedeutung einer Aufgabe im Verhältnis zu den übergeordneten Zielen oder Prioritäten die nicht entsprechend bewertet werden.
Erwartungen und Interessen
Erwartungen sind Vorstellungen oder Annahmen über zukünftige Ereignisse oder Verhaltensweisen. Sie können sich auf persönliche Ziele, Beziehungen, berufliche Situationen oder auch auf alltägliche Dinge beziehen. Erwartungen können sowohl positiv als auch negativ sein und haben einen starken Einfluss auf unsere Emotionen und unser Verhalten. Wenn unsere Erwartungen erfüllt werden, erleben wir oft Freude und Zufriedenheit, während unerfüllte Erwartungen zu Enttäuschung und Frustration führen können. Interessen sind die Dinge, die uns am Herzen liegen und die wir gerne tun oder lernen möchten. Sie können vielfältig sein und reichen von Hobbys und Freizeitaktivitäten bis hin zu beruflichen Zielen und sozialen Beziehungen. Interessen sind oft mit positiven Emotionen verbunden und können uns motivieren, neue Dinge auszuprobieren und uns weiterzuentwickeln.
Die Verbindung zwischen Erwartungen und Interessen liegt darin, dass unsere Erwartungen oft von unseren Interessen beeinflusst werden. Wir erwarten beispielsweise, dass ein neues Hobby uns Freude bereiten wird, wenn es unseren Interessen entspricht. Umgekehrt können unsere Interessen uns dazu motivieren, bestimmte Erwartungen zu entwickeln und zu verfolgen. Wenn wir beispielsweise ein starkes Interesse an einer bestimmten Sportart haben, erwarten wir vielleicht, dass wir darin erfolgreich sein werden, wenn wir hart trainieren. Persönliche Interessen, Vorlieben oder Erwartungen können dazu führen, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte richten und andere vernachlässigen. Wir tendieren dazu, nach Informationen zu suchen, die unseren vorhandenen Überzeugungen oder Interessen entsprechen.
Emotionale Bedeutung
Emotionale Reize sind alles, was eine emotionale Reaktion auslösen kann. Dazu kann eine Vielzahl von Dingen gehören, von visuellen Reizen wie Bildern oder Videos über auditive Reize wie Musik oder Geräusche bis hin zu Worten oder Erinnerungen. Entscheidend ist, dass sie beim Individuum eine emotionale Reaktion hervorrufen. Es somit emotionale Stimuli die oft eine stärkere Anziehungskraft haben die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen können. Positive emotionale, aber auch bedrohliche Reize, Angst, Wut, Ekel haben beispielsweise eine größere Wahrscheinlichkeit, unsere Aufmerksamkeit zu erfassen.
Salienz (Auffälligkeit)
Salienz beschreibt die Auffälligkeit eines Reizes, wodurch er sich von seiner Umgebung abhebt und die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Im Kontext der Psychologie und Kognition bedeutet dies, dass ein salenter Reiz leichter wahrgenommen und verarbeitet wird als ein nicht-salenter. Salienz kann auf verschiedenen Ebenen wirken, z.B. visuell (Farbe, Kontrast, Position) oder auch sprachlich (auffällige Wörter, ungewöhnliche Satzstrukturen). Saliente Reize sind also Stimuli, die sich von ihrer Umgebung abheben und werden tendenziell bevorzugt beachtet. Dies kann aufgrund ihrer Helligkeit, Lautstärke, Bewegung oder anderen auffälligen Merkmalen geschehen.
Wahrnehmung erfolgt nicht immer bewusst und willentlich, sondern automatisch (Automatismen)und unbewusst aufgrund von gewohnten Denkmustern oder bestimmten kognitiven Mechanismen.
Fragen & Feedback dazu? Schreib mir eine Nachricht oder vernetz dich mit mir über LinkedIn:

In einem immer dynamischeren Wettbewerb, mit volatilen Absatzmärkten und unsicheren Lieferketten ist substantielles Wachstum eine echte Herausforderung. Den kulturellen Wandel & technologischen Fortschritt verstehe ich dabei als Ganzes. Die Lösung liegt in der strategischen Passung. In einer leistungsfähigen Organisation mit richtigen Prozessen, stehen wirksame Abläufe für bessere Ergebnisse. Das bringt dir mehr Umsatz bei höheren Margen. Auf dem Weg voran, berate ich dich im SALES, BUSINESS DEVELOPMENT und OPERATIONS. Doch am liebsten setze ich meine Erfahrungen direkt um – mit STRATEGIEN für MUTIGE UNTERNEHMEN - für mehr Kundenwert & Wertschöpfung im digitalen Zeitalter!
Mein Name ist Dejan Kosmatin. Als "Hub of the Wheel" betrachte ich dein Unternehmen aus verschiedenen Blickwinkeln & verbinde die Stärken zu wertorientierten Strategien. Diese setzte ich wirksam und nachhaltig um, für deine Transformation in die digitale Zukunft.
Bist du bereit? Buche einen online-Termin oder schreib mir direkt eine Nachricht:
INTERIM MANAGEMENT & STRATEGIEBERATUNG | BUSINESS & PROJEKTMANAGEMENT
+& DEJAN KOSMATIN Business | Management | Projectswert- & werteorientiertes Wachstum für mutige Unternehmen
konstitutioneller Ansatz der Betriebswirtschaft & Managementlehre mit Verantwortung: transparente Fakten, ungeschönte Wahrheit, direktes Management oder einfach KLARHEIT | UMSETZUNG | WACHSTUM
Quellen:


Mit diesem Text schaffst du, was selten gelingt. Du durchleuchtest nicht nur Systeme, sondern sezierst unsere Selbstkonstruktionen mit einer analytischen Tiefe, die mich zeitgleich beunruhigt und befreit.
Das wirkt nach. Du forderst auf ganzer Linie, noch selten hab ich so viele Perspektivenwechsel in einem Text durchlebt und gleichzeitig das Bedürfnis gespürt, innezuhalten, um mich selbst neu zu verorten. Danke für diese Zumutung auf höchstem Niveau sowie der Verweigerung einfacher Antworten. Grossartige Arbeit, Dejan!